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„,Wetten, dass ...?‘ ist mir wurscht“

Jürgen von der Lippe im Interview „,Wetten, dass ...?‘ ist mir wurscht“

TV-Star Jürgen von der Lippe spricht im Interview über Jugendwahn im Fernsehen, den ergrauten Bällchensender SAT.1, bunte Lippfische und warum ihm „Wetten, dass ...?" herzlich egal ist.

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Mit „Geld oder Liebe“ wurde Hans-Jürgen Dohrenkamp, besser bekannt als Jürgen von der Lippe, zum TV-Star.

Quelle: dpa

Hannover. Herr von der Lippe, ein Quiz: Wer ist Jürgen von der Lippe? A: ein verhinderter Germanist, der einen Duden verschluckt hat? B: Bruder Blattschuss? C: ein alternder Nachwuchskomiker? D: Deutschlands bekanntester Hawaiihemdenträger?
Das sind Teilaspekte meiner Person, man könnte noch beliebig viele hinzufügen.

Sie müssen sich schon entscheiden.
Nein, das ist unmöglich bei einer so multiplen Künstlerpersönlichkeit. Das muss die Kulturgeschichte entscheiden.

Antwort C ist ein Zitat von Ihnen. Sie haben gesagt, Zuschauer wollten keine „älteren Fernsehschaffenden“ mehr sehen. Wie haben Sie es jetzt zu einer eigenen Quizshow bei SAT.1 geschafft?
Diese Frage müssen Sie SAT.1 stellen. Der Sender macht gerade etwas, was ich nur begrüßen kann: Er greift auf verdiente Kräfte zurück wie Ulla Kock am Brink oder Ingolf Lück. Vielleicht trägt man auch endlich dem Umstand Rechnung, dass die viel beschworene Zielgruppe zwischen 14 und 49 Jahren eine Chimäre ist, die mit unserer demografischen Wirklichkeit gar nichts mehr zu tun hat.

Wie meinen Sie das?
Die Älteren werden immer jünger. Und die Senioren haben das Geld. Und es ist eben nicht so, dass ältere Leute marken- oder sendertreu sind. Die sind auch zum Wechseln zu bewegen.

Sie sitzen als Live-Entertainer schon seit Jahrzehnten sicher im Sattel. Was reizt Sie an einem lahmen Gaul wie SAT.1?
Ach, der Sender wird auch wieder seine gute Zeit haben. Die Renaissance der Spielshows hat begonnen. Mir hat der Sender gesagt, dass sie jemanden mit viel Erfahrung, Übersicht und Humor haben wollten. Diese Voraussetzungen würde ich mir attestieren. Ob das Publikum das sehen will, werden wir sehen.

Im Augenblick findet gerade eine regelrechte Moderatorenflucht statt: weg von den Privaten, hin zum öffentlich-recht­lichen Fernsehen. Leiten Sie jetzt die Gegenbewegung ein?
Nein, mit einem Bein stehe ich mit meiner Sendung „Frei von der Lippe“ noch im MDR. Ich habe mich nie einem Sender zugehörig gefühlt.

Aber musste es denn gerade SAT.1 sein?
Das Konzept für die Show „Ich liebe Deutschland“ hatte ich eigentlich schon abgehakt, weil ich das holländische Original gesehen hatte. Das war mir ein bisschen zu laut und zu patriotisch. Und mit Deutschtümeleien tun sich Menschen aus meiner Generation immer noch schwer. Ich habe zu SAT.1 gesagt: Kinder, wenn ihr das wirklich wollt, dass ich das mache, muss ich da andere Töne ­hereinbringen dürfen – also: ein bisschen Ironie.

Was lieben Sie an Deutschland?
Zuvörderst natürlich die Sprache, weil ich die als einzige perfekt beherrsche. Sie ist das Material, das seit fast 40 Jahren meinen Unterhalt sichert.

Und was hassen Sie?
Jede Form von Spießigkeit und Obrigkeitshörigkeit.

Wollten Sie nie auswandern?
Nein, das würde ja schon an der Sprache scheitern. Ich bin ja ein Suchtkranker, was die Comedy angeht.

Viele Menschen wandern aus, um vor sich selber wegzulaufen. Welche Ihrer Eigenschaften oder Marotten flößt Ihnen selber Furcht ein?
Ich würde sagen, ich bin sehr unordentlich. Mein Arbeitszimmer kann man nicht mehr betreten. Da fliegt alles durcheinander, Zeitungsausschnitte, Bücher und Gedöns. Was man halt so sammelt in der Hoffnung, es irgendwann mal brauchen zu können.

Ihr Name ist einer der wenigen, der noch nicht im Zusammenhang mit der Nachfolge von Thomas Gottschalk im ZDF genannt wurde. Was haben Sie falsch gemacht?
Gar nix. Ich bin ja schon 1992 gefragt worden, als sich Thomas Gottschalk vorübergehend zurückzog. Ich habe schon damals dankend abgelehnt.

Warum?
Das Format ist untrennbar mit der Person Gottschalks verbunden. Er ist jemand, der auf Augenhöhe Gespräche mit den Showgrößen führt. Mich hat das nie gereizt.

Sie sollten es sich jetzt noch einmal überlegen – bevor noch der Show-Prak­tikant Elton übernimmt.
„Wetten, dass ...?“ ist mir wurscht. Seit der Sender nach dem Unfall von Samuel Koch keine riskanten Wetten mehr zeigen darf, wird diese Sendung herzlich uninteressant. Ich kann die Entscheidung zwar nachvollziehen. Aber ohne Raubtiernummern würde doch auch keiner mehr in den Zirkus gehen. Ein gewisser Nervenkitzel gehört einfach dazu – ob wir das politisch korrekt finden oder nicht. Also, ich gucke mir die Sendung jedenfalls nicht mehr an.

Sondern lieber ...?
Harald Schmidt oder die Kabarettsendungen im Dritten. Oder neue Shows wie „Klein gegen Groß“ mit Kai Pflaume. Darüber habe ich mich amüsiert wie Bolle. Wenn man so will, war das auch „Wetten, dass ...?“ – bloß ohne den Glamour.

Tragen Sie die Hawaiihemden eigentlich auch privat?
(stöhnt) Ich hatte gehofft, dass Sie diese Frage vielleicht vergessen würden. Nein, ich trage sie nicht privat.

Dabei sollen grelle Farben helfen, die Symptome der Wechseljahre zu lindern.
Stimmt, den Lippfischen helfen sie auch bei der Balz. Durch einen elektrostatischen Vorgang lassen die Farbeffekte über ihren Körper huschen. So bewegen sie die weiblichen Fische dazu, Eizellen auszustoßen. So entstehen viele kleine Lippfische.

Interview: Antje Hildebrandt

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