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"Wikileaks" bei Asterix

Neuer Comic reflektiert Netzkultur "Wikileaks" bei Asterix

An diesem Donnerstag erscheint der 36. Asterix-Band. "Der Papyrus des Cäsar" verlegt die moderne Netzkultur in die Zeit der Antike. Einen Zeitsprung macht auch "Wikileaks"-Gründer Julian Assange.

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Dieser Mann hält den neuesten Asterix-Band "Der Papyrus des Cäsar" in den Händen.

Quelle: Lukas Schulze

Asterix? "Das ist doch nur ein mit Bleistift gezeichneter kleiner Kerl, den man wegradieren kann", hat René Goscinny mal gesagt, sein Schöpfer – "das ist alles." So zärtlich, so behutsam sprechen sonst Mondfahrer über die Zerbrechlichkeit der Erde. Wie ein Schutzappell klang der Satz, wie die leise Bitte, den gallischen Kosmos zu lieben und zu achten, weil er jederzeit zerbrechen kann.

Goscinny starb 1977 mit nur 51 Jahren durch einen Herzinfarkt nach einem ärztlichen Belastungstest, mitten in der Arbeit zum 24. Band "Asterix bei den Belgiern". Nie hat sein Zeichner Albert Uderzo den Tod des genialen Partners überwunden. Er übernahm den Job. Und übernahm sich.

Ach, man wünschte sich zuletzt, dass ein explodierender korsischer Käse dem Elend ein Ende macht und das ganze Asterix-Universum endlich ins Jenseits jagt. Als Uderzo in seinem neunten Soloband "Gallien in Gefahr" 2005 gar Aliens auf den Plan rief, die sich mit irrlichternden Mangafiguren einen bekloppten franko-amerikanisch-japanischen Kulturkampf lieferten, schien der Klassiker so tot wie die Fische von Verleihnix.

Neue Zeichner, neuer Erfolg

Was hatte diese peinliche "Walt-Disney-Hommage" (Verlags-Euphemismus) noch mit Hinkelsteinromantik zu tun? Mit "hellenischen Topfgesetzen"? Mit zu fegenden halben Platten? Mit Wildschwein in Pfefferminzsoße und obelixscher Eitelkeit ("Hier gibt’s keine zwei Dicken! Höchstens einen und der ist nicht dick!")?

Sie haben dem heute 88-jährigen Uderzo mit sanfter Gewalt die Feder entwunden. Und was dann geschah, war ein kleines Comic-Wunder. Mit dem Segen des Meisters hauchten der in Kalifornien lebende französische Zeichner Didier Conrad und der Szenarist Jean-Yves Ferri aus den Pyrenäen – beide wie Asterix im Jahr 1959 geboren – den alten Helden neues Leben ein.

In dem kleinen gallischen Dorf herrscht kein großes Interesse an dem Papyrus, der „das Reich in seinen Grundfesten erschüttern könnte“ (Polemix). Dort interessiert man sich mehr für den Wetterbericht und das Horoskop des populären Druiden Apollosix.

Quelle: Lukas Schulze

Band 35 ("Asterix bei den Pikten") wurde im Jahr 2013 zur stürmisch gefeierten Renaissance einer nationalen Ikone. Hochgelobt von Kritikern, dankbar angenommen von Lesern, 5,4 Millionen Mal verkauft. Heute erscheint nun ihr zweiter Band "Der Papyrus des Cäsar", begleitet vom üblichen Stillhaltezinnober zur globalen Spannungserzeugung. Startauflage: vier Millionen Exemplare. Wir durften vorab lesen. Und Achtung, Spoileralarm: "Der Papyrus" ist kein Geniestreich, aber eine würdige Fortsetzung  – Belenus sei Dank!

Subtile Satire und zünftige Folklore

Monatelang feilte das Duo an der gesunden Balance zwischen subtiler Satire und zünftiger Folklore – ohne Fleisch kein Preisch! Die Story beginnt in Rom, wo der eitle Cäsar an seinem Kriegsbericht "De bello Gallico" schreibt und auch die Niederlage gegen das kleine Dorf an der bretonischen Küste nicht auslässt. An seiner Seite: ein ausgekochter Imageberater namens Syndicus (im französischen Original: Bonus Promoplus), der auffällig dem legendären französischen Spindoctor Jacques Séguéla (81) ähnelt, der anno dazumal François Mitterand ins Präsidentenamt hievte.

Syndicus rät, das Kapitel zu unterschlagen, ein numidischer Schreiber namens Bigdatha greift es ab – und steckt es einem investigativen Gallier namens Polemix zu, der durch die gallischen Wälder stromert und eindeutig Züge des Wikileaks-Gründers Julian Assange trägt. Der ist elektrisiert: Cäsar lügt! Er hat gar nicht ganz Gallien besetzt, wie jeder "Asterix"-Leser bezeugen kann. Im Dorf aber herrscht kein großes Interesse an dem Papyrus, der "das Reich in seinen Grundfesten erschüttern könnte" (Polemix).Dort interessiert man sich mehr für den Wetterbericht und das Horoskop des populären Druiden Apollosix. Die Einzige, die Druck macht, ist Häuptlingsgattin Gutemiene.

Es geht um Propaganda, mediale Macht und Nerdspinnereien (inklusive eines lilafarbenen Einhorns, das nicht hätte sein müssen), dazu um vorchristliche Datenschutzdebatten und eine Art antikes Facebook mit Tauben, die auch mal versehentlich ohne "Anhang" verschickt oder von Piraten abgefangen werden.

Und es geht um ein in seeliger Kleingeistigkeit verharrendes Publikum, das sich bereitwillig belügen lässt, statt sich zu empören. Die Zeitungen feiern Cäsars Buch ("Riesenerfolg! Schon fünfzig Exemplare ausgeliefert!") – die Gallier heben kaum eine Augenbraue. Ihr Medium ist die mündliche Überlieferung. "Ein Buch?", fragt Verleihnix, "davon hab’ ich schon mal gehört."

Idefix ist wieder dabei

Es ist der komplexe Versuch, aktuelle Whistleblower-Debatten und gallische Schratigkeit zu vereinen. Ferri und Conrad widerstehen der Gefahr, sich dem Zeitgeist so plump um den Hals zu werfen wie einst Philipp Rösler "Bild"-Chef Kai Diekmann. Sie liefern eine spritzige Parabel auf die Verführbarkeit von Menschen inklusive der asterixtypischen rumpeligen Wärme.

Und: Idefix ist wieder dabei, der bei den "Pikten" noch fehlte. "Einige Leser haben mir unterstellt, dass ich diesen Hund schlicht nicht zeichnen kann", scherzte Conrad bei der Präsentation des Titelbildes im Pariser Eiffelturm. "Es ist doch leichter, einen kleinen Hund zu zeichnen als eine römische Armee?!"

Der "Papyrus" bemüht sich sichtlich, jüngere Fans zu erschließen, ohne die alten zu verprellen, denen ein paar Dönekens rund um den Dorfplatz zweifellos genügt hätten. "Der Erfolg des ersten Heftes hat uns alle entspannt", sagt Conrad, dessen erneut etwas breiterer Federstrich im Heft für mehr Schärfe und Klarheit sorgt. "Während meiner Arbeit zum zweiten Band konnte ich wenigstens auch mal schlafen." Die literarische Herzmassage, die das Autorenduo dem sterbenden Asterix verpasst hat, freut den Verlag. Der nächste Band ist bereits in Planung. In höchstens zwei Jahren soll es so weit sein, Zeit ist Sesterz. Eine Idee gibt es auch schon. Hoffentlich hat sie nichts mit Aliens zu tun.

Das Asterix-Universum

35 "Asterix"-Bände sind seit 1968 ("Asterix der Gallier") erschienen, die Figur selbst ersannen René Goscinny und Albert Uderzo 1959 für das Comicmagazin "Pilote". 1977 starb Goscinny nach 24 gemeinsamen Bänden.

Uderzo führte die Reihe 1980 mit "Der Große Graben" fort. 2008 verkaufte er seine 40 Prozent sowie Tochter Anne ihre 20 Prozent am Verlag Les Éditions Albert René an den Cartoon-Konzern Hachette – gegen den Willen von Uderzos zweiter Tochter Sylvie, die ihre 40 Prozent behielt.

Zeichner Didier Conrad und Texter Jean-Yves Ferri übernehmen nun das Zepter. Ursprünglich hatte Frédéric Mébarki, 30 Jahre lang Uderzos Tuschezeichner, den Staffelstab übernehmen sollen (Uderzo leidet an einer Rot-Grün-Schwäche), aber er warf nach einigen Monaten hin.

Das Asterix-Imperium ist mit über 350 Millionen verkauften Heften (davon 100 Millionen im zweitgrößten Markt Deutschand) in 111 Sprachen und Dialekten (inklusive Kreolisch, Mongolisch, Esperanto und Latein), zahllosen Filmen sowie einem Themenpark ein Milliardengeschäft.

gri

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