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Willi Steul: Ich gehe in freier Entscheidung

Deutschlandradio-Intendant Willi Steul: Ich gehe in freier Entscheidung

„Es gibt keinen politischen Druck, der zu meinem Rücktritt führte“: Im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) erklärt Willi Steul, warum er vorzeitig von seinem Amt als Intendant des Deutschlandradios zurücktritt.

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Willi Steul tritt von seinem Amt als Intendant des Deutschlandradios vorzeitig zurück.

Quelle: dpa

Berlin. Willi Steuls Vertrag als Intendant des Deutschlandradios läuft noch bis 2019. Doch er hat bereits für 2017 seinen Rücktritt angekündigt. Was ihm zu seinem vorzeitigen Abschied bewegt hat, wer sein Nachfolger werden könnte und was ihm in seiner Zeit als Intendant nicht gelungen ist, erklärt er im Interview.

Bisher haben Sie stets dementiert, dass Sie vorzeitig Ihr Amt zur Verfügung stellen. Warum ist jetzt die Zeit darüber zu reden?

Willi Steul : Ich wollte immer nach meinem 65. Geburtstag, der im April war, in freier Entscheidung aus dem Amt scheiden. Ursprünglich hatte ich das für März 2018 geplant, ein Jahr vor Ablauf meines Vertrags. Allein schon, um nicht das letzte Jahr eine lame duck zu sein. Jetzt aber erkenne ich, dass der öffentliche Druck auf den öffentlich-rechtlichen Rundfunk so stark geworden ist, dass es früher jemanden braucht, der das Deutschlandradio trittsicher durch diese Debatten führt. Aus eigener Erfahrung weiß ich: Es braucht ein Jahr, um sich in dieses Amt richtig einzuarbeiten. Deshalb biete ich meinen Rücktritt zum 1. Mai 2017 an.

Sie erleben also nicht mehr aktiv mit, wenn der Berliner Sender Deutschlandradio Kultur in Deutschlandfunk Kultur und D-Radio Wissen in Nova umbenannt werden.

Willi Steul : Das stimmt. Ich bedaure, nicht mehr alle Früchte meiner Mühen ernten zu können.

In welchem Zustand fanden Sie Deutschlandradio vor, als Sie 2009 Intendant wurden? Stimmt es, dass es nicht einmal eine IT-Abteilung gab?

Willi Steul : Das ist richtig. Es gab einen enormen Modernisierungsstau. Die Programmqualität von Deutschlandfunk in Köln war unumstritten. Deutschlandradio Kultur in Berlin dagegen hatte zu wenige Hörer, das Profil unterschied sich nicht klar genug vom Deutschlandfunk, die Technik war rückständig. Das ändert sich, wenn wir in Kürze einen hochmodernen Produktionskomplex in Betrieb nehmen. Denn es ist ja so: Das lineare Radio wird bleiben, aber wir müssen digital sämtliche Ausspielwege nutzen, um neue Hörer zu erreichen.

Was haben Sie nicht geschafft in Ihrer Amtszeit?

Willi Steul : Mir ist nicht gelungen, den Graben zwischen Köln und Berlin ganz zuzuschütten. Mit der Fusion aus RIAS und DS-Kultur im Osten hatte Deutschlandradio Kultur einiges zu verkraften. Gleichzeitig kann ein Kulturprogramm nie das Potenzial erreichen, das der Deutschlandfunk hat, zumal wegen der schlechten UKW-Verbreitung nur 60 Prozent der Bevölkerung Deutschlandradio Kultur empfangen können. Auch deshalb schauten die Berliner immer mit Neid auf den 20 Jahre älteren und etablierteren Deutschlandfunk in Köln. Umso wichtiger war die Reform vor zwei Jahren, die das Berliner Programm hörbarer und unterscheidbarer machte. Die Hörer danken es uns. Ihre Zahl ist auf den Rekordwert von 525 000 täglich gestiegen.

Fühlten Sie sich bei den Kölnern wohler oder bei den Berlinern?

Willi Steul : Salopp gesagt: Würden in Berlin lauter Rheinländer wohnen, wäre es die ideale Stadt.

Geben Sie zu, Sie wollten mit Ihrem Rücktritt verhindern, wie die anderen öffentlich-rechtlichen Intendanten Ihr Gehalt veröffentlichen zu müssen. Sie hatten angekündigt, dies nur unter lautem Singen schmutziger Lieder zu tun.

Willi Steul : Dem neuen Staatsvertrag, der mich zwingen würde, dies ab 2018 zu tun, entgehe ich. Dem Beitragszahler bin ich schuldig, mit seinem Geld ein ordentliches Programm zu veranstalten und nicht, ihm mein persönliches Gehalt zu nennen. Also: Ja, das ist ein schöner Nebeneffekt meines Rücktritts, aber nicht der Grund.

Sie folgen der Hinterzimmer-Vereinbarung mit der SPD bei Ihrer Wiederwahl. Sie drang bei der Besetzung der Deutschen Welle mit dem konservativen Peter Limbourg als Intendant darauf, das Deutschlandradio vor Ablauf Ihrer zweiten Amtszeit mit einem der ihren zu besetzen.

Willi Steul : Es gibt keinen politischen Druck, der zu meinem Rücktritt führte. Auch wird sich der Vorsitzende des Verwaltungsrats, ZDF-Intendant Thomas Bellut, bei meiner Nachfolgeregelung nicht von politischen Gesichtspunkten leiten lassen.

Dem roten Lager zuzurechnen wäre Ihr Programmchef Andreas Peter Weber, der NRW-Medienpolitiker Marc Jan Eumann gilt ebenso als Kandidat. Ambitionen hegt außerdem MDR-Chefredakteur Stefan Raue, einst Belluts Stellvertreter beim ZDF.

Willi Steul : Andreas Weber kenne ich, deshalb weiß ich, dass er geeignet wäre. Ansonsten kommentiere ich solche Gerüchte nicht.

Was muss ein Intendant des Deutschlandradios mitbringen?

Willi Steul : Furchtlos muss er sein. Er muss gestalten können und wollen. Es darf nicht darum gehen, den Ist-Zustand zu verteidigen. Wir können und müssen Strukturen ändern. Wir müssen aber auch klar machen, dass Programme wie die des Deutschlandradios für die Gesellschaft unverzichtbar sind. An erster Stelle steht daher die Qualität der Programme. Insofern hilft es, wenn der Intendant des Deutschlandradios Journalist ist.

Neben Ihrer deutschen haben Sie die französische Staatsbürgerschaft. Wo wird Ihr Lebensmittelpunkt sein?

Willi Steul : Im Winter in Berlin, im Sommer in Südfrankreich.

Welche Pläne haben Sie?

Willi Steul : Ich bin Ethnologe. Ich würde wahnsinnig gerne ein Jugendbuch über Dschinghis Khan schreiben. Die Mongolen haben in Europa einen Ruf, den es dringend zu korrigieren gilt.

Zur Person

Willi Steul, 65, ist seit April 2009 Intendant des Deutschlandradios, zu dem die drei nationalen Sender Deutschlandfunk in Köln, Deutschlandradio Kultur in Berlin sowie das 2010 gegründete D-Radio Wissen gehören. Zuvor arbeitete der promovierte Ethnologe lange Jahre für den Südwestrundfunk.

Von Ulrike Simon

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