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"Wir bekommen ein überreguliertes Kindernet"

Conventioncamp in Hannover "Wir bekommen ein überreguliertes Kindernet"

Beim 3. Conventioncamp am Mittwoch in Hannover ist deutlich geworden: Es gibt noch viel zu lernen im Umgang mit Internet und neuen ­Medien. So kommt zum Jahreswechsel eine neue ­Kennzeichnungspflicht für fast jedes Webangebot.

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Quelle: Handout

Was wie eine Veranstaltung für Fachleute begann, hat sich am Mittwoch als Kongress mit gesellschaftlichem Anspruch entpuppt. Beim nunmehr dritten Conventioncamp, das auf dem Messegelände im Conventioncenter veranstaltet wurde, trafen erstmals deutlich mehr als 1000 Besucher zusammen, um in rund 60 Vorträgen und Diskussionsrunden die Zukunft des Internets und neuer darauf basierender Dienste zu besprechen.

Für manches Erstaunen und Kopfschütteln, aber auch Gelächter sorgte etwa der IT-Fachanwalt Joerg Heidrich, der gemeinsam mit dem Medienpädagogen Gerald Jörns und Holger Bleich von der Zeitschrift „c’t“ über die aktuellen Pläne zum Jugendmedienstaatsvertrag informierten. Demnach wird bereits zum Jahreswechsel eine Kennzeichnungspflicht für beinahe jede Website in Deutschland eingeführt (ausgenommen die Nachrichtenmedien). „Jeder, der Inhalte ins Web stellt, sei es per Blog, in Foren oder auf einer privaten Website, wird künftig dazu gezwungen, eine Altersfreigabe zu hinterlegen“, erklärte Heidrich. Unter allgemeinem Gelächter der in dieser „Session“ rund 150 Zuhörer führte der Experte dann aus, dass Webseiten deutscher Herkunft künftig mit Altersempfehlungen ab 0, 6, 12, 16 oder 18 Jahren versehen werden müssten – wobei noch offen ist, wie diese Kennzeichnung technisch erfolgen soll. Ohne solche Kennzeichen dürften jedenfalls bald Bußgelder und, vermutlich schlimmer, Abmahnungen von Konkurrenten auf Websitebetreiber zukommen. Zum Schutz der Jugend müssten dann einzelne Web­sites vor 20 Uhr für unter Zwölfjährige, vor 22 Uhr für unter 16-Jährige und vor 23 Uhr für unter 18-Jährige gesperrt werden. „Die VZs dieser Welt werden damit noch viel Ärger haben, die Facebooks und Co. aus den USA werden das einfach nicht beachten“, sagte Jörns. Die Folge: Diese Seiten ohne erforderliche Alterskennzeichen gelten automatisch als lediglich geeignet für 18-Jährige und Ältere. Parallel sollen die Provider zur Einführung von Kinderschutzsoftware gezwungen werden, die Eltern auf den Rechnern ihrer Kinder installieren sollen. „Wir bekommen ein überreguliertes Kindernet“, sagte Bleich.

In anderen Vorträgen und Diskussionen ging es um Dinge wie das mobile Internet oder die sozialen Medien: In einem eigenen Experiment wurde jeder Besucher mit einer Nummer versehen, die er sich mitsamt seinem Namen und seiner Firma um den Hals hängen sollte. Andere konnten dann per Handyklick auf ein „Like“- oder „Dislike“-Feld eine Einschätzung abgeben, ob sie den anderen Konferenzteilnehmer „mögen“ oder „nicht mögen“ – ganz ähnlich wie der inzwischen massenhaft genutzte ­„Like“-Button, wie er vom sozialen Netz Facebook auf immer mehr Internet-Seiten auftaucht.

Ein anderes soziales Netz, Twitter, war fast unsichtbar auf der Konferenz stets dabei: In Echtzeit gab es per Handy aus der Zuschauerschaft Reaktionen auf die Videozuschaltung von Nick Carr aus New York, der sich über die intellektuelle Ethik des Netzes per Leinwandvideo äußerte. Oder zum Vortrag des Medienfuturisten Gerd Leonhard, der sich zur Zukunft des Geschäftemachens im Netz äußerte – und unter anderem „soziale Interaktion als Sauerstoff für künftige Transaktionen“ vorstellte („Da gibt es noch viel zu lernen“) und – nicht ganz so neu – als eine Erkenntnis sagte: „Daten sind das neue Öl“ ( seinen Vortrag als PDF gibt es hier). Fürs nächste Jahr hat Organisator Ingo Stoll die vierte Auflage des Conventioncamps angekündigt.

Social-Media-Preis vergeben

Zum ersten Mal wurde am Mittwoch der „Deutsche Social Media Preis“ vergeben. Anstelle von Preisen für groe Agenturen und Kampagnen sollen damit jene gewürdigt werden, die im Web „mit viel Witz, Geist und Engagement“, aber ohne ohne großes Budget kleine Social-Media-Perlen ins Leben gerufen haben. Die Abstimmung über 63 vorgeschlagene Projekte fand per Twitter und Facebook statt. Gewonnen haben:

  • in der Kategorie „Gute Sache“: die Webseite stopfgmnow.com – eine Kampagne gegen die Genitalverstümmelung
  • in der Kategorie „Kunst“: die Aktion „Ich male meine Follower“ von Michaela von Aichberger ( twitter.com/frauenfuss)
  • in der Kategorie Gesellschaft: regensburg-digital.de – ein Blog aus Bayern, das kritisch über einen Bischof berichtet hatte und sich nun gegen Unterlassungsverfügungen zur Wehr setzen will
  • in der Kategorie Wirtschaft: die manomama GmbH, die „öko-soziale Kleidung“ verkauft und
  • in der Kategorie Medien: das Angebot www.socialmediaplanner.de – eine Webseite, die über Dienste wie Xing, Facebook und Myspace informiert und zu mehr als 260 unterschiedlichen Plattformen im Web Daten zu Altersgruppen, Geschlechterverteilung und thematischem Schwerpunkt vorhält.

(Korrektur: die Schreibweise des Vornamens von Joerg Heidrich; Websiten müssten vor, nicht nach bestimmten Abendzeiten gesperrt werden; die Überschrift wurde neu formuliert.)

msc

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