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Medien "Wir haben die Hosen runtergelassen"
Nachrichten Medien "Wir haben die Hosen runtergelassen"
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11:38 03.05.2011
Von Ronald Meyer-Arlt
Giovanni Di Lorenzo spricht im Interview über seine Jugend in Hannover. Quelle: Frank Wilde (Archiv)

Ihr Buch „Wofür stehst du?“ ist sehr autobiografisch. Axel Hacke und Sie erinnern sich an Ereignisse, die bestimmte Haltungen schufen. Sie schreiben auch von Ihrer Zeit in Hannover, wo Sie das Ratsgymnasium und später die Tellkampfschule besucht haben. Welche Mitschüler erwarten Sie zu Ihrer Lesung?

Ich weiß nicht, wer kommt. Ich habe niemanden gezielt eingeladen. Aber natürlich würde ich mich freuen, wenn ich einige Bekannte von früher sehen würde. Das gilt übrigens auch für Lehrer.

Tatsächlich? In Ihrem Buch berichten Sie auch von unschönen Erfahrungen. Einmal wurden ihnen von einem Oberstudienrat die Worte entgegengeschleudert: „Di Lorenzo, diesen Itaker, sollte man aufhängen!“ War die Fremdenfeindlichkeit in Hannover schlimmer als anderswo?

Das weiß ich nicht. Dieser furchtbare Oberstudienrat war ja am Ratsgymnasium nicht die Regel. Und am schlimmsten war auch gar nicht dieser Ausfall, schlimmer noch war die Sache mit dem Schulleiter: Als ich ihm unter Tränen von dem Vorfall berichtete, hatte er nichts anderes zu tun, als sich um den Ruf der Schule zu sorgen.

Kurz vor dem Abitur an der Tellkampfschule haben Sie ein Praktikum bei der hannoverschen „Neuen Presse“ absolviert. Offensichtlich mit Erfolg.

Das war für mich ein großer Glücksfall. Ich hatte mich nicht rechtzeitig um eine Praktikumsstelle beworben und bekam die Stelle von meinem Tutor zugewiesen. Es war wohl das, was übrigblieb. Am zweiten Tag durfte ich im Kulturressort einen Artikel schreiben – und da wusste ich, dass ich nichts anderes mehr tun wollte, als Journalist zu werden.

Normalerweise machen Redakteure mit Praktikanten, die zwangsweise kommen, eher schlechte Erfahrungen.
Na ja, ich hatte es halt ganz und gar nicht auf der Rechnung, Journalist zu werden.

Aber bei Ihnen hat’s dann ja zu großem Erfolg geführt. Jetzt sind Sie Chefredakteur der „Zeit“.

Na ja.

Sie haben das Buch zusammen mit Axel Hacke geschrieben. Wer schreibt besser?

Also: Axel Hacke ist ein richtiger Schriftsteller, ich bin ein Journalist.

Das Buch ist in Textblöcke unterteilt. Damit der Leser erkennt, was von wem ist, verwenden sie unterschiedliche Schriften. Sie haben eine Schrift mit Serifen gewählt, Hacke dagegen schreibt serifenlos. Soll das andeuten, dass Sie der Seriösere, Konservativere sind?

Nein, gar nicht. Wir hatten am Anfang eine Unterteilung in Normalschrift und kursiver Schrift. Aber das hat uns schon bald nicht mehr gefallen.

„Wofür stehst Du?“ ist ein Buch über die Generation derjenigen, die jetzt über 50 Jahre alt sind. Es gibt keinen guten Namen für diese kleinen Brüder und Schwestern der Achtundsechziger. Was halten Sie von „Generation Parka“?

Gefällt mir nicht so gut. Wir haben zwar alle diese Dinger getragen, aber sie waren doch mordshässlich. Es geht uns zwar um die Generation unmittelbar nach 68, aber es ist nicht nur ein Generationenbuch. Der Impuls, es zu schreiben, war der Ärger darüber, dass die Leute meiner Generation und auch die etwas Jüngeren von den Älteren leicht in eine bestimmte Ecke geschoben werden. Weil wir alle etwas pragmatischer sind, wird uns Haltungslosigkeit unterstellt. Das fand ich immer ungerecht. Und so habe ich mir mit Axel Hacke die Frage „Wofür stehst du?“ gestellt.

Das ist keine Frage, die einfach zu beantworten ist.

Genau. Vielleicht kann das Buch auch dazu ermutigen, die Annahme einer Haltung als fließenden und nie endenden Prozess anzusehen. Eine Haltung muss man sich immer wieder neu erarbeiten und erobern.

Das aber ist heute komplizierter als je zuvor. Man bekommt zu allem Möglichen alle möglichen Informationen und hat oft das Gefühl, dass eine klare Haltung angesichts der immensen Komplexität der Welt vielleicht doch nicht das Angemessene ist.

Vieles ist in der Tat so kompliziert, dass man sich eine Meinung dazu Stück für Stück erobern sollte. Wann immer jemand behauptet, die ganze Lösung zu haben, ist höchstes Misstrauen angebracht.

Meinungslosigkeit als Haltung würden Sie wohl nicht gelten lassen?

Nein. Das wäre eine billige Entschuldigung. Dass die Dinge kompliziert sind, heißt nicht, dass man auf eine Wertung verzichten könnte. Es ist nur anstrengender, eine Haltung zu finden.

Wenn zwei Menschen über 50 ihre Lebenserinnerungen vortragen, kann das auch leicht selbstgefällig werden. Was tun Sie dagegen?

Der Vorwurf der Selbstgefälligkeit ist uns bisher nicht entgegengeschlagen. Dazu ist das Buch auch viel zu wenig schmeichelhaft für uns. Wir haben uns gesagt: Wenn dieses Buch ehrlich und authentisch wirken soll, dann bleibt uns nichts anderes übrig, als die Hosen herunterzulassen. Das sind alles keine Heldengeschichten.
Am Mittwoch, 4. Mai, lesen Giovanni di Lorenzo und Axel Hacke um 20 Uhr im Schauspielhaus aus „Wofür stehst du?“. Karten: (05 11) 99 99 11 11.

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