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Nachrichten Medien Zwei neue Philosophie-Magazine sind auf dem Markt
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14:30 19.11.2011
Von Karl-Ludwig Baader
Das „Philosophie Magazin“ aus dem Philomagazin Verlag ist neu auf dem Markt - ebenso wie „Hohe Luft“ aus dem Inspiring Network Verlag. Quelle: dpa
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Das Buchangebot, einschlägige Sendungen im Fernsehen oder das hannoversche Festival der Philosophie zeigen es: Es gibt ein weit über die akademische Welt hinaus reichendes Bedürfnis nach philosophischer Selbstvergewisserung. Und es ist mehr als eine Mode: Die traditionellen Sinn- und Wertvermittlungsagenturen, die einst gesellschaftsprägenden Religionsgemeinschaften oder Parteimilieus, haben dramatisch an Einfluss verloren. Mehr denn je können die Menschen ihre Lebensstile selber wählen und müssen sich – als Einzelne – mit einem breiten Sinnangebot auseinandersetzen. Und sehen sich zudem, nicht zuletzt aufgrund des medizinischen Fortschritts, neuen moralischen Problemen gegenüber.

Hier eine qualifizierte, aber den intelligenten Laien nicht überfordernde Orientierungshilfe zu bieten könnte eine Chance für Philosophiemagazine sein, die sich, anders als bewusst elitäre Zeitschriften wie der „Merkur“ (Auflage unter 5000), an journalistischen Kriterien orientieren. Und tatsächlich werben nun zwei Magazinprojekte damit, dass sie den akademischen Bereich verlassen und gleichsam Phänomene des Alltags und aktuelle gesellschaftliche Probleme philosophisch begleiten und diskutieren wollen – nicht im Sinne der allenthalben wuchernden Ratgeber- und Rezeptliteratur, sondern als Hilfe zur Selbsthilfe, als Anleitung zum Selberdenken.

Die bessere Ausgangslage hat sicherlich das in Berlin erscheinende „Philosophie Magazin“, das sich am französischen Vorbild, dem seit 2006 existierenden „Philosophie Magazine“, orientieren kann. Dessen Verleger Fabrice Gerschel wird nun auch die deutsche Version herausgeben. Die französische Ausgabe ist mit einer Auflage von 52.000 seit Jahren profitabel, und sie bietet auch Texte, auf die der Chefredakteur der deutschen Ausgabe, Wolfram Eilenberger, zurückgreifen kann. Allerdings, so betont man, will man auf Eigenständigkeit setzen.

Die Chance schätzt der Verlag offensichtlich optimistisch ein. Mit einer Startauflage von 100.000, die auch in Österreich und der Schweiz vertrieben wird, ist nun das erste Heft für 5,90 Euro an den Kiosken, insgesamt sollen es jährlich zehn Ausgaben (zwei davon als Doppelheft) werden. Und zugleich trumpft man – spektakulär – mit einem Gespräch zwischen dem WikiLeaks-Gründer Julian Assange und dem, wie es so schön heißt, „umstrittenen“ Philosophen Peter Singer auf. Dabei zeigt sich Assange als recht reflektierter Aktivist. Er sei, das ist überraschend, „kein großer Freund der Transparenz“. Er sieht zudem das Internet mit seinen Veröffentlichungsmöglichkeiten nicht nur positiv, sondern auch als „das ausgeklügeltste Massenüberwachungssystem“.

Dieser Beitrag gehört zu den Übernahmen von der französischen Ausgabe – wie auch das Interview mit Elisabeth Badinter oder die Fotos zum Heftthema „Warum haben wir Kinder?“, das kontrovers und differenziert behandelt wird. Übernommen vom Vorbild sind auch Layout und manche Rubriken. Aber es wird auch nicht an deutscher Prominenz von Gert Scobel, Julian Nida-Rümelin, Juli Zeh bis Florian Henckel von Donnersmarck gespart. In einem Interview erklärt der Sozialphilosoph Axel Honneth, warum er die Geschichte als „langsamen Prozess des Fortschritts“ sieht.

Mit der Prominenzdichte kann es das Konkurrenzprodukt nicht aufnehmen. Der Verlag „Inspiring Network“, in dem auch das Magazin „Emotion“ erscheint, betitelt sein Magazin mit dem ungewöhnlichen Namen „Hohe Luft“, was sowohl auf die Redaktionsadresse (Hoheluftchaussee in Hamburg) als auch auf den Anspruch verweist, aktuelle Phänomene aus einer gewissen gedanklichen Flughöhe zu analysieren.

Das Heft, das zweimonatlich zum Preis von acht Euro erscheinen soll, wird zunächst in 70.000 Exemplaren aufgelegt. Es wirkt – anders als die klassische Magazin-Ästhetik der Konkurrenz – mit seiner „Lumbeck-Bindung“ viel bescheidener und zurückhaltender. Es ist mit großer Liebe zum Detail gestaltet, experimentiert mit unterschiedlichen Schriften, wirkt aber trotz dieser Vielfalt aufgeräumt und ruhig. Es enthält einen sehr schönen Fotoessay zum Thema „Antlitz“, vor allem aber setzt es auf eine Reihe anspruchsvoller Originalillustrationen, die die Texte hintergründig interpretieren oder satirisch illustrieren.

Ob es Zufall ist, dass dem Leser beim Durchblättern die Namen der Illustratoren in die Augen springen, dagegen die Autorennamen am Ende selbst langer Beiträge in kleiner Schrift gesetzt sind? Tatsächlich fehlt es bislang dem Heft an prominenten Mitarbeitern, zudem sind die Autoren wie der Chefredakteur Thomas Vašek, der zuvor das „P.M. Magazin“ verantwortete, gleich mehrfach vertreten.

Neben Glossen recht unterschiedlicher Qualität und Kurzrezensionen finden sich längere Beiträge, die sich durch eine sympathische Solidität auszeichnen und beispielsweise das Thema „Du sollst nicht lügen“ mit Beispielen aus Alltag und Philosophie gut verständlich abhandeln. Am Beispiel der Demenz wird alltagsnah und didaktisch geschickt der Begriff der Person erklärt. Eher biografisch orientiert ist ein Beitrag, der den Einfluss des Engadins auf Nietzsches Denken erläutert.

Das wirkt noch ein bisschen brav, ohne stilistischen Glamour – das fällt nicht zuletzt deshalb auf, weil die beiden Interviews ein paar mehr Funken sprühen: Neben einem Plädoyer für einen neuen Hedonismus des Wiener Philosophen Robert Pfaller bietet besonders das Gespräch mit dem Berliner Politologen Herfried Münkler Anregendes. Angesprochen auf die Aktualität der politischen Theorie von Machiavelli liefert er eine interessante Charakteristik unserer politischen Klasse (die „Verwechslung von Minister und Ministrant“), ihrer im Grunde technokratischen Orientierung, ihrem Mangel an Entschlossenheit und ihrer Unfähigkeit, mit der Unberechenbarkeit des Schicksals umzugehen.

Den Launen des Marktes sind nun die beiden Magazine ausgesetzt, die um dasselbe Publikum konkurrieren müssen. Beide finden eine Darstellungsform, in der Differenziertheit und Verstehbarkeit gut ausbalanciert sind.

Das nächste „Festival der Philosophie“ Hannover findet vom 12. bis 15. April 2012 statt. Das Motto: „Wie viel Vernunft braucht der Mensch?“.

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