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Medien Zweiteilige Doku über Modegeschichte in der ARD
Nachrichten Medien Zweiteilige Doku über Modegeschichte in der ARD
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20:47 29.05.2011
Von Hannah Suppa
In den fünfziger Jahren sind die Petticoats schick, wie von Schauspielerin Grit Boettcher getragen. Quelle: NDR

Lassen Sie uns einen Schritt zurücktreten, und einmal ganz objektiv unsere Kleidung im Spiegel betrachten: Was sehen wir da? Revolutionäres? Politisches? Konträres? In 20 Jahren wird man über die 2010er-Jahre vielleicht sagen: „Ein Kessel Buntes“. Die Masse kauft Mode von der Stange, trotzdem ist Kleidung stets Ausdruck von Lebensweise und Persönlichkeit ihres Trägers, doch weniger politisches Statement. Jeans regen niemanden mehr auf, Bauch- oder Beinfreies provoziert auch keinen Protest. Das war nicht immer so. Die heutige Freiheit auf Selbstbestimmung auch in Kleidungsfragen und die jederzeitige Verfügbarkeit aller Modeprodukte wurde schwer erkämpft.

Den Weg dorthin skizziert die zweiteilige Dokumentation „Kleider machen Deutsche“, die am heutigen Montag um 21 Uhr („Von der Trümmerzeit in die wilden Sechziger“) und im zweiten Teil am darauffolgenden Montag, 6. Juni, 21 Uhr („Von den 68ern zum Mauerfall“) im Ersten ausgestrahlt wird. Der Film von Katarina Schickling unternimmt eine modische Zeitreise durch die Kleiderschränke der Deutschen. Erzählt werden Geschichten aus dem modischen Alltag der Menschen, die mit den Ereignissen der deutschen Geschichten verknüpft sind.

So war an Mode im vom Zweiten Weltkrieg zerstörten Berlin des Jahres 1946 nicht zu denken, die Trümmerfrauen suchen die Materialknappheit durch Ideenreichtum auszugleichen: Aus Hakenkreuz-Fahnen, die eigentlich verbrannt werden sollten, werden kurzerhand Küchenschürzen oder Blusen genäht, auf dem Schwarzmarkt Brot gegen Stoff getauscht oder aus einem alten Stück Holz mit der Laubsäge Knöpfe für die Jacke gesägt. Schuhe sind Luxus, wer Glück und etwas Geld hat, kann zumindest Gummi von Autoreifen erstehen und zu Sohlen verarbeiten. Auch Gerda Steinke, Teenager in den Nachkriegsjahren, kreierte zusammen mit ihrer Mutter mit reichlich Erfindungsreichtum aus einer alten Tischdecke und dem zu kleinen Konfirmationsblazer ein Tanzkleid, wie sie in der Dokumentation erzählt. Eleganz in Zeiten des Mangels. Filmemacherin Schickling trägt zur Illustration alte Wochenschauen, Fotos von Prominenten oder Bürgern wie Gerda Steinke sowie Filmaufnahmen zusammen, die den Alltag der Menschen dokumentieren.

Die Dokumentation „Kleider machen Deutsche“ zeichnet die deutsche Geschichte nach, erklärt gesellschaftliche Veränderungen mit modischen Details. Erinnert wird daran, wie aus angepassten jungen Leuten Hippies werden, wie das erste Konzert der Beatles in Deutschland den Langhaartrend im Land vorantreibt, der Minirock Symbol einer sexuellen Revolution wird – und die Jeans nach anfänglichen Protesten schließlich zur Universalkleidung für jedermann avanciert. Auch der Tag, an dem Joschka Fischer zur Vereidigung als Umweltminister in Hessen in grobem Jackett und Turnschuhen erscheint und fortan nur noch der „Turnschuh-Minister“ heißt, lässt die Doku noch einmal Revue passieren. Hier war Kleidung einmal mehr Symbol der Unangepasstheit.

Dabei schwenkt die Filmemacherin auch immer wieder in die DDR, in der Mode stets ein Politikum darstellte. Westliche Kleidung ist der Klassenfeind des Staates, aber begehrtes Luxusprojekt junger Bürger.

Im Stil der einfach produzierten zahlreichen Chartshows der Privatsender, reiht die Mode-Doku mehr oder minder Prominente wie Gerit Kling, Vera Int-Veen, Jens Riewa oder Grit Boettcher aneinander, die ihre Schubladen, Fotoalben und Koffer öffnen, dabei aber Erstaunliches und fast Vergessenes zutage fördern: kratzende Strickunterhosen, die mit Strumpfhaltern an die dazugehörigen Socken befestigt wurden, die ersten Schlagjeans, hippieske Indienkleider. Und manch einer mag am liebsten die Hand vor die Augen schlagen ob dessen, was man einst als todschick empfand. Allen voran die modischen Erinnerungen der ehemaligen Modechefin der „Brigitte“, Antje von der Heyde, sind dabei interessant, gewährt sie doch auch Einblicke in die Schwierigkeiten, mit denen ein Modemagazin damals zu kämpfen hatte.

Neu sind die Erkenntnisse der Doku allemal nicht, doch in der Zusammenschau durchaus unterhaltend. Amüsant sind vor allem kleine Einspieler wie ein Fernsehbeitrag, in dem der ADAC Tipps für Maxirock-Trägerinnen gibt. Oder ein Bericht über die langhaarigen Bundeswehrsoldaten, die ihren SiebzigerJahre-Schopf mit einem Haarnetz bändigen sollen. Modisch betrachtet bleibt das Filmchen an der Oberfläche, Designer bleiben außen vor, im Vordergrund steht die gesellschaftliche Geschichte. Und einmal mehr bewahrheitet sich ein Zitat von Goethe: „An der Farbe lässt sich die Sinnesweise, am Schnitt die Lebensweise der Menschen erkennen.“

„Kleider machen Deutsche“ | ARD
Zweiteilige Doku über Modegeschichte
Erster Teil, 30. Mai, 21 Uhr
Zweiter Teil, 6. Juni, 21 Uhr

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