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Nachrichten Meinung Die ernüchternde Erkenntnis des Erdogan-Besuchs
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20:45 30.09.2018
Verschanzte sich die türkische Gemeinschaft hinter den lichten Fenstern in Ehrenfeld? Die Ditib-Großmoschee wurde am Sonnabend im Beisein des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan offiziell eröffnet. Quelle: Rolf Vennenbernd/dpa
Hannover

Drei Tage lang war der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan in Deutschland, und auf den ersten Blick ist in diesen Tagen nichts Überraschendes passiert. Erdogan bekam nicht die Gelegenheit, sich über die Austragung der Fußball-EM freuen zu dürfen (was der Uefa durchaus zuzutrauen gewesen wäre). Er machte keine Zugeständnisse im Bezug auf Menschenrechte. Er ließ auch nicht erkennen, dass ihm der Zusammenhang zwischen der Gewaltenteilung und der wirtschaftlichen Entwicklung seines Landes vor Augen steht. Stattdessen hat er den Fall Özil benutzt, um seine Gastgeber ein wenig zu provozieren, und eine grobe Eskalation ansonsten vermieden. Kanzlerin und Bundespräsident wiederum sagten Erdogan, was der schon wusste: dass seine Türkei in ihrem jetzigen Zustand in Europa keine Perspektive hat.

Die EU ist im Verhältnis zur Türkei in einer schwierigen Lage. Seit Erdogan den Staat nach und nach in eine Autokratie verwandelt hat, hat das europäische Bündnis die finanziellen Hilfen für den bisherigen Aufnahmekandidaten folgerichtig stark gekürzt. Damit trifft sie jedoch nicht nur das Regime, sondern auch jene Kräfte in der Türkei, die sich bisher noch für den Erhalt der Menschenrechte im europäischen Geist starkgemacht haben – denn auch sie hatten von den Finanzhilfen aus Brüssel profitiert. Auch deshalb ist der Graben zwischen der Türkei und Europa immer tiefer geworden.

Doch nicht nur in der Türkei lässt sich beobachten, wie sehr das deutsch-türkische Verhältnis zuletzt gelitten hat. In Deutschland wird das ausgerechnet an jener Zentralmoschee der Türkisch-Islamischen Union Ditib augenfällig, die Erdogan am Wochenende feierlich eröffnet hat. Eigentlich hatte das Gotteshaus in Köln-Ehrenfeld ein Symbol für die Offenheit des Islam nach außen sein sollen – Offenheit gegenüber anderen Religionen, der Stadt und dem deutschen Staat.

Statt aber jene Institutionen in den Erdogan-Besuch einzubeziehen, die den Kölner Prachtbau jahrelang wohlwollend begleitet und möglich gemacht hatten, brüskierte die aus Ankara gesteuerte Ditib sie. Weder legte sie dem Land ein Sicherheitskonzept vor, noch hielt sie es für nötig, Oberbürgermeisterin Henriette Reker ordentlich einzuladen. Am Ende wollten auch die einstigen Unterstützer des Moschee-Baus zu ihrer Eröffnung nicht mehr kommen. Stattdessen, so schien es, verschanzte sich die türkische Gemeinschaft hinter den lichten Fenstern in Ehrenfeld.

Das ist die eigentlich besorgniserregende Erkenntnis aus dem Erdogan-Besuch: Nicht nur die Türkei und Deutschland haben sich auseinandergelebt, sondern auch Türken und Deutsche hierzulande. Nun denkt sogar der Verfassungsschutz über die Beobachtung der Ditib-Moschee nach. Auch das wäre leider keine Überraschung.

Von Felix Harbart

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