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Frankreich – ein gespaltenes Land

Analyse Frankreich – ein gespaltenes Land

Nach dem Anschlag von Nizza fragen sich viele: Warum wieder Frankreich. Die Antwort lautet: Weil das Land gespalten ist und viele Menschen mit Wurzeln in Nord- und Westafrika höchstens als Franzosen zweiter Klasse gelten. Eine Analyse unserer Frankreich-Korrespondentin Birgit Holzer

Paris. Vor ein paar Tagen schwenkten Millionen Franzosen euphorisch die Trikolore: Ihre Nationalelf hatte es ins Finale der Fußball-EM geschafft. In dem von Terror-Angst, Streiks und Verdrossenheit geplagten Land machte sich kollektive Fröhlichkeit breit. Sie gesellte sich zur Erleichterung darüber, dass das Fußballturnier nicht von einem großen Terroranschlag überschattet wurde.

Doch der folgte nun wenig später. Frankreich ist tief getroffen von der extremen Gewalt des Anschlags, von der Zahl der Opfer und von der Erkenntnis, erneut zur Zielscheibe geworden zu sein. Die Angst, dass die Attacken des vergangenen Jahres nur der Beginn einer fürchterlichen Serie waren, wird zur Gewissheit. Getroffen wurde mit der Strandpromenade in Nizza wieder ein symbolträchtiges Ziel. Kinder, Frauen, Männer - wer die Opfer waren, muss dem Attentäter in seiner totalen Verblendung gleichgültig gewesen sein. Nur möglichst viele wollte er am Nationalfeiertag treffen.

Noch fehlen eindeutige Informationen, ob es sich beim Attentäter von Nizza um einen Einzeltäter handelte und ob ihn eine radikalislamische Ideologie antrieb. Ob er, der gebürtige Tunesier, ein weiterer jener wütenden jungen Männer war, die das Land zerstören wollen, in dem sie leben. Vorschnelle Erklärungen verbieten sich. Doch eines ist sicher: Wenn Frankreich besonders exponiert ist, liegt das auch am Umgang mit seiner Kolonialgeschichte. Viele Menschen mit Wurzeln in Nord- und Westafrika sind nicht in der Gesellschaft angekommen, gelten höchstens als Franzosen zweiter Klasse, obwohl sie oft hier geboren wurden. Ausgegrenzt in den verwahrlosten Vorstädten entwickeln viele von ihnen einen explosiven Hass gegen Frankreich, wo zugleich der Rechtsnationalismus stetig ansteigt.

Absolut nichts rechtfertigt die begangenen Bluttaten. Doch um zu verstehen, warum es immer wieder Frankreich trifft und um weitere Tragödien zu verhindern, muss auch ein schonungsloser Blick auf diese Hintergründe gerichtet werden. Nur die Sicherheitsmaßnahmen immer noch zu verstärken, weitere Soldaten und Polizisten zu mobilisieren und die geheimdienstliche Überwachung auszubauen, wird nicht reichen. Seit Monaten herrscht der Ausnahmezustand, die Sicherheitskräfte erreichen längst ihr Limit. Was Frankreich jedoch braucht, ist ein neues Zusammenrücken, eine neue Brüderlichkeit. Frankreich noch tiefer zu spalten, mürbe zu machen, in ständiger Verunsicherung zu halten, ist das Kalkül seiner Feinde. Und dieses Kalkül darf nicht aufgehen.

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Zwei Menschen in Gewahrsam
Ein Soldat patroulliert in Nizza.

Im Zuge der Ermittlungen nach dem Anschlag von Nizza sind in Frankreich am Sonntag zwei weitere Personen festgenommen worden. Es handelte sich um einen Mann und eine Frau, wie die Nachrichtenagentur AFP unter Berufung auf Justizkreise meldete. 

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