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Meinung „Man müsste mal“ reicht nicht
Nachrichten Meinung „Man müsste mal“ reicht nicht
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20:54 07.09.2018
„Viele, die sich bei uns zur Elite rechnen, gefallen sich im Zweifeln und Zagen.“ Quelle: dpa
Hannover

Da ist sie wieder: die Angst. Vor Trump. Vor Nazis. Vor Ausländern. Vor Seehofer und Maaßen. Oder Sahra Wagenknecht. Vor Chemnitz. Vor dem Klima, dem Islam, dem Euro-Crash. Und am Ende sogar noch davor, dass es ohne die Zeitumstellung zu Weihnachten nicht mehr hell wird. Alles Nachrichtenthemen aus dieser Woche. Schon geht ein leises Zittern durchs Land.

Ist das unser Ernst?

Keines der mit den Schlagworten oder Namen verbundenen Themenfelder ist leicht zu überschauen. Bei näherer Betrachtung gibt es selten einfache Antworten auf im Grunde komplizierte Fragen etwa nach der inneren Sicherheit, dem Weg der Ostdeutschen, des Euro – oder auch der Wasserversorgung bei fehlenden Niederschlägen. Aber ist das ein Grund, langsam den Verstand zu verlieren? Das Land ist dabei, sich auf Basis schnell und beliebig konfigurierter Informationsbrocken in eine fiebrige Grundstimmung zu reden, in der Rationalität und kluge Abwägung immer seltener einen Platz haben. Sowas geht selten gut aus.

Es ist Zeit, mal ein paar Pflöcke einzuschlagen. Wir leben nicht in einem gefährdeten Land, das morgen unter seinen Problemen zusammenbricht. Sondern in einem der freiesten, am besten organisierten und wirtschaftlich stärksten Ländern dieses Planeten. Es ist noch nie so vielen Menschen bei uns so gut gegangen. Wir haben Frieden, Sicherheit – und genug Kraft, um beides wirksam zu erhalten. Ja, es gibt Ungerechtigkeiten, Menschen, die keine Chancen sehen oder bekommen. Und auch solche, die gegen die Freiheit kämpfen, weil sie den Umgang mit ihr nie begriffen haben. Da liegen Gefahren, auch größere als bisher. Aber daran ist – für uns und bei uns – nichts unlösbar.

Die Krise steckt nicht im Kopf, sondern im Bauch. Mit Geld und guten Worten ist ihr nicht mehr überall beizukommen. Es geht in Gesellschaft und Politik jetzt nicht mehr nur um leidlich gutes Management – sondern um Überzeugung. Um Zuversicht und Zukunftsglauben. Und den Mut zum Plan für übermorgen.

Und da klafft die Lücke. Die Berliner Politik, vor allem die der Kanzlerin, hat hier wenig bis nichts zu bieten. Mittlerweile sieht es so aus, als sei schon die reine Existenz ihrer Regierung eine Leistung. Selbst wenn dort Neid und Missgunst herrschen und bayerische Desperados nur noch wild um sich schießen. Aber die Politik steht nicht allein: Viele, die sich in diesem Land zur Elite rechnen, gefallen sich derzeit im Zweifeln und Zagen – immer mit dem Hinweis, dass man es selber besser machen könnte, wenn nur gefragt würde. Dieses Lied ist in der Wirtschaft ebenso zu hören wie in Wissenschaft und Kultur. Das aber wird nicht reichen. Wer die Angst der anderen für Unsinn hält, muss sie ihnen nehmen. Und etwas tun.

Von Hendrik Brandt

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