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Meinung Fusion von Karstadt und Kaufhof ist erst der Anfang
Nachrichten Meinung Fusion von Karstadt und Kaufhof ist erst der Anfang
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19:41 11.09.2018
Kaufhof in der hannoverschen Bahnhofstraße. Quelle: Nancy Heusel
Hannover

Offiziell sprechen Karstadt und Kaufhof von einer „Fusion unter Gleichen“, von einer „idealen Lösung“ und von zwei Unternehmen, die zusammen stärker sind als getrennt. Das klingt nach Aufbruch. Doch hinter der Fassade verbirgt sich eine triste Realität: Kaufhof steckt in der Krise, Karstadt hat sich selbst gerade erst radikal gesundgeschrumpft und wird das nun wohl auch mit Kaufhof versuchen. Tausende Arbeitsplätze sind in Gefahr.

Es ist eine Zäsur. Karstadt und Kaufhof sind mehr als zwei Warenhausketten. Beide blicken auf eine fast 150-jährige Geschichte zurück, beide stehen für das Wirtschaftswunder der alten Bundesrepublik, beide prägen die Fußgängerzonen von Trier bis Rostock, von Flensburg bis Konstanz. Und doch ist die Fusion der Handelsikonen erst der Anfang. Der Onlinehandel hat in den vergangenen Jahren rasant zugelegt, während die Umsätze der Kaufhäuser schrumpften. Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht. Im Modesegment geben die Deutschen rund ein Viertel ihrer Euros im Netz aus, quer über alle Branchen sind es erst um die 10 Prozent. Anders formuliert: Amazon, Zalando und Co. haben noch viel zu gewinnen, stationäre Händler noch viel zu verlieren.

Was den Beschäftigten droht, zeigt ein Blick in andere Länder. In den USA spricht man von der „Retail Apocalypse“, der Endzeit im Einzelhandel. Experten schätzen, dass dort in den nächsten Jahren jedes fünfte bis vierte Einkaufszentrum dichtmacht. In England will Marks & Spencer bis 2022 rund 100 Kaufhäuser schließen – jede dritte Filiale. Kleine Läden können noch schlechter mit Amazon mithalten. Der Handelsverband Deutschland schätzt, dass von 2017 bis 2020 rund 50 000 Geschäfte schließen, das wäre ein Zehntel des Angebots.

Nicht nur die Angestellten stehen dann auf der Verliererseite. Wenn Läden leer stehen und Fußgängerzonen veröden, leiden ganze Städte. In den Logistikzentren der Onlinehändler und bei Paketdiensten mögen neue Jobs entstehen – doch das wird kleinen und mittleren Städten kaum helfen. Die Endzeit im Einzelhandel verschärft den Trend zur Abwanderung in die Metropolen.

Große Ketten wie Karstadt und Kaufhof hätten am ehesten die Kraft, dem etwas entgegenzusetzen. Sie müssen den Teufelskreis aus weniger Kunden, weniger Auswahl und weniger Beratung durchbrechen. Viele Ideen sind erst in Ansätzen verwirklicht: modernere Filialen, regionalere Sortimente, mehr Untermieter und eine bessere Verzahnung der Fläche mit dem Onlinehandel.

Es braucht aber auch mehr Mut. Amazon beliefert seine Kunden in Berlin und München schon eine Stunde nach dem Klick. Karstadt und Kaufhof könnten so etwas längst in viel mehr Städten anbieten. Mit ihren Filialen in bester Lage haben sie gute Chancen – sie müssen diese aber auch nutzen.

Von Christian Wölbert

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