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Meinung Streit über Grenzwerte: Wem können wir glauben?
Nachrichten Meinung Streit über Grenzwerte: Wem können wir glauben?
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01:15 26.01.2019
Messstation zur Erfassung von Feinstaub- und Stickstoffoxidwerten in Hannover. Die vorgeschriebenen Grenzwerte sind jedoch umstritten. Quelle: Holger Hollemann/dpa
Hannover

Widersprüche, Vorwürfe und Streit auf offener Bühne – die Wissenschaft im Land hatte schon bessere Tage. Was Mediziner, Statistiker und ihre Helfer der Öffentlichkeit auf der Suche nach sauberer Luft derzeit zumuten, ist unglaublich. Die eine Gruppe warnt vor schweren Erkrankungen und Tausenden von Todesfällen durch Dreck, den wir einatmen. Hervorgerufen durch die Art, wie wir leben, uns ernähren und fortbewegen. Die andere hält das für mächtig übertrieben oder gleich für Humbug. Das Publikum steht in der Mitte und blickt wie bei einem rasanten Tennismatch hektisch von der einen zur anderen Seite. Darf man noch mit Dieselautos fahren oder ist das ein Anschlag auf die Gesundheit? Können Bauern noch mit Gülle düngen oder bringt der Feinstaub von den Feldern uns um? Lauert der Tod an der Ausfallstraße – oder ist das alles nur ein grandioses statistisches Missverständnis?

Nun sind Versuch und Irrtum samt dazugehörigem Streit in der Wissenschaft nicht die Ausnahme, sondern die Regel. Das ist gut so. Belastbare Erkenntnis kann anders nicht wachsen. Je komplexer die Fragen werden, desto wichtiger ist es, Ergebnisse zu vergleichen, Thesen zu überprüfen und die Kollegen wie sich selbst immer wieder infrage zu stellen. Im besten Fall geschieht dies jedoch, bevor Ergebnisse dieser Arbeit unser aller Leben beeinflussen. Und wer etwas beizutragen hat, tut dies beizeiten und im Kreis der Forscher.

Das alles geht im Fall der Luftbelastung durch Stickoxide und Feinstäube nun zum großen Teil schief. Vor allem die beteiligten Ärzte erweisen sich für Laien mittlerweile als nahezu unberechenbar – wie die Reaktionen der Politik deutlich zeigen. Jeder sieht sich in dem bestätigt, was er ohnehin schon dachte – und alle anderen gründlich widerlegt.

Ein brandgefährliches Zerrbild

Das Zerrbild, das die Wissenschaft hier von sich selbst zeichnet, ist brandgefährlich. Es zeigt die naturwissenschaftliche Forschung als beliebige, je nach Gusto interpretierbare Anschauung der Wirklichkeit. Als dominierten dort überall die Meinungen die Fakten. Das geschieht in einem gesellschaftlichen Klima, in dem sich genau diese Haltung ohnehin gerade erschreckend dynamisch entwickelt. Aktuell traut gerade noch eine gute Hälfte der Deutschen ihren Wissenschaftlern – sehr viele zweifeln an deren Unabhängigkeit und vermuten, dass Forscher ihre Ergebnisse einfach ihren Erwartungen anpassen. Wer dem als Experte nun auch noch Vorschub leistet, darf sich nicht wundern, wenn Fakten auch in der öffentlichen Wahrnehmung der Forschung bald weniger zählen als Meinungen oder Vorurteile.

Das reicht jetzt. Wir sollten sehr bald wissen, woran wir wirklich sind. Bei der Luftsauberkeit – und bei der Qualität unserer Experten bitte auch.

Von Hendrik Brandt

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