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Meinung Streit um neuen Feiertag: Warum immer Jeder gegen Jeden?
Nachrichten Meinung Streit um neuen Feiertag: Warum immer Jeder gegen Jeden?
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20:49 02.03.2018
Aktivisten der humanistischen Giordano-Bruno-Stiftung haben den „nackten Luther“ aufgestellt. Sie protestierten dagegen, dass Niedersachsen den Reformationstag zum Feiertag erklären. Die Kritik: Luther sei nach heutigen Maßstäben ein „Hassprediger“ gewesen. Quelle: Conrad von Meding
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 Es hätte so einfach sein sollen. Ein Bundesland im Norden sieht sich benachteiligt, ein Ministerpräsident will eine Wahl gewinnen, ein Jubiläum liefert eine Steilvorlage – so sollte Niedersachsen schnell zum 31. Oktober als zusätzlichem Feiertag kommen. Zur Feier der Reformation des Christentums. Wer sollte da schon dagegen sein? So dachten die Initiatoren und spekulierten wohl nebenei darauf, dass es vielen Menschen im Grunde herzlich egal sein dürfte, auf welchen Termin ein weiterer arbeitsfreier Tag nun fallen würde. Hauptsache, es gibt ihn überhaupt und man muss die Deutschen im Süden nicht mehr so sehr beneiden. Die Diskussion hätte schnell gehen können. Aber so ist es bei uns eben nicht mehr. In einer Mischung aus Interessenpolitik, antireligiösen Reflexen und grundsätzlichem Misstrauen gegen jede Entscheidung „von oben“ ist der neue Feiertag nicht nur ins Gespräch, sondern auch elendig ins Gerede gekommen.

Schlimmer noch: Hinter der manchmal klugen, oft aber auch einfältigen Auseinandersetzung um den Reformationstag scheint eine mittlerweile bedrückende Grundsatzfrage auf: Worauf kann sich die Gesellschaft in diesem Land eigentlich noch einigen? Geht das nur noch gegen etwas? Gegen die Religion (im Zweifel eine jeweils andere), gegen Migranten, gegen die Reichen, gegen die Armen? Gegen Juden, Christen, Muslime? Und am Ende gegen die Politik und die Institutionen? Womit dann gleich auch die legitimen Verfahren einer Entscheidungsfindung mit diskreditiert wären. Die Feiertagsdebatte ist nicht zentral für unser Zusammenleben, aber sie zeigt in Form und Inhalt, wie selbstgefällig, wie satt und wie zerrissen unser Land inzwischen ist.

Ironischerweise könnte gerade hier das Reformationsgedenken helfen. Weil es im Grunde nicht um Martin Luther geht, dessen Glauben, Leben und Denken 500 Jahre später in vielfacher Hinsicht aus der Zeit gefallen sind. Nicht einmal das geteilte Christentum muss im Vordergrund stehen. Die Reformation ist viel mehr als eine Kirchenspaltung: Sie steht vor allem für den Aufbruch aus dem engen, stickigen und unfreien Mittelalter in die Moderne. Sie ist eine wesentliche Grundlage unseres abendländischen Lebens – und mittelbar auch unserer demokratischen Ordnung. Wer die Reformation feiert, erlebt auch ein Fest der Selbstbestimmung, des Wissens und damit letztlich der Freiheit. Nicht nur der eines Christenmenschen. 

Dieses verbindende Erbe der europäischen Reformation ist im Jeder-gegen-jeden-Spiel der letzten Monate aus dem Blick geraten. Was für ein Fehler. Die Reformation war und ist ein Erfolgsprojekt, das sich zu feiern lohnt. Das ist nicht ganz einfach, wird nicht jeden erreichen. Aber es lohnt die Mühe. In diesen Zeiten erst recht.

Von Hendrik Brandt

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