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Meinung Aber kein Canossa
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20:06 13.03.2009
Von Michael B. Berger

Er fühlt sich gedrängt, noch einmal „ein klärendes Wort“ an alle zu richten, die sich in der Kontroverse um die randständige Piusbruderschaft zu Wort gemeldet haben. Zurückgemeldet hat sich diese Woche ein Papst, den das Ausmaß der von ihm selbst entfachten Kontroverse bedrückt, der aber trotz der eingestandenen Fehleinschätzungen nicht in Sack und Asche zum Bußgang nach Canossa aufbricht.

Joseph Ratzinger offenbart sich als menschlicher Papst – als einer, der zugibt, dass selbst er falsch liegen kann. Als ein Intellektueller, der indes nicht vorhersehen konnte, dass die Aufhebung der Exkommunikation der vier abtrünnigen Bischöfe „überlagert“ wurde von den antisemitischen Äußerungen eines der vieren, des Bischofs Richard Williamson. Dabei hätte man doch im Internet erfahren können, was von einem Mann wie Williamson zu halten ist, schreibt der Papst selbst. Der Pontifex maximus hat daraus gelernt, „dass wir beim Heiligen Stuhl auf diese Nachrichtenquelle in Zukunft aufmerksamer achten müssen“.

Doch der epochal anmutende Eintritt des Vatikans ins Internetzeitalter heißt noch lange nicht, dass Benedikt XVI. auch nur leiseste Zweifel an dem von ihm angestrebten Kurs der innerkirchlichen Versöhnung mit den Piusbrüdern hätte. Er fühlt sich nur gänzlich missverstanden. Es gehe ihm nicht nur um einen kirchenpolitischen Akt, sondern um eine Versöhnungsgeste, die aus der ganzen Tiefe des christlichen Glaubens kommt, erläutert ein Papst, der immer noch fassungslos über die Reaktionen aus Deutschland und Frankreich ist, die er selbst ausgelöst hat.

Benedikt XVI. wendet sich – auch dies ein kirchengeschichtlich bemerkenswerter Vorgang – als ein zutiefst Gekränkter an die Bischöfe seiner Weltkirche. Mit „sprungbereiter Feindseligkeit“ hätten Katholiken, „die es eigentlich besser wissen müssen“, auf ihn eingeschlagen, gibt er zu Protokoll. Das ist eine alles andere als versöhnliche Botschaft. Wen meint er damit? Die deutschen Theologieprofessoren, die dagegen protestiert haben, dass der Papst einer randständigen Gruppe die Rückkehr in den großen Schoß der Kirche ohne einen Akt der Reue anbot?

Die deutschen katholischen Bischöfe haben gestern durch die Bank das Schreiben gelobt. Wie auch anders sollten sie reagieren, wenn der Papst sich so tief zu ihnen herabbeugt und sich als fehlbarer und auch irrender Glaubender erweist? Nach einer ersten Aufwallung von Kritik wollen gerade die Bischöfe nicht als Kritikaster jenes Mannes erscheinen, der die immer noch gewaltig große katholische Kirche in ihrem Innersten zusammenhält.

Und dennoch bleibt die Bitte um Nachsicht, die Benedikt XVI. äußert, befremdlich gegenüber der Unnachsichtigkeit, mit der er seinen einmal eingeschlagenen Kurs verfolgt. Er müsse zwar zur Kenntnis nehmen, dass die „leise Gebärde einer hingehaltenen Hand“ gerade zum Gegenteil von Versöhnung geworden sei, schreibt Benedikt – aber dann folgt nichts. Im Gegenteil: Er fordert eine ganz andere Toleranz und macht sich zum Fürsprecher einer Gruppe, die er von Hass verfolgt sieht, der Piusbruderschaft.

Vorerst hat Benedikt XVI. mit seinem bemerkenswert emotionalen Schreiben die Wogen geglättet, die vor allem im deutschen Katholizismus aufbrandeten. Doch das Offenlegen seiner eigenen Gefühlslage offenbart auch die grenzenlose politische Naivität, mit der dieser Papst das Kirchenschiff leitet. Sein Vorgänger Johannes Paul II. war sich in einem ganz anderen Maße der politischen Wirkung seiner Gesten bewusst – und hat auch so zum Fall des Eisernen Vorhanges beitragen können.

Mit dem gelernten Theologieprofessor Benedikt XVI. bleibt die katholische Kirche ganz bei sich – und auch in einer immer wieder erstaunlichen Weise binnenorientiert und rückwärtsgewandt. Denn der Papst, das zeigt nicht nur der Streit um die Piusbruderschaft, sieht in der Moderne vorrangig eine Geschichte des Abfalls von den wahren Werten, da mag er mit dem Philosophen Jürgen Habermas noch so gelehrt disputieren. Deshalb legt Benedikt XVI. so viel Wert auf die „kleinen und mittleren Versöhnungen“. Auch mit Bruderschaften, die ganz am Rand stehen.

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