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Amazons unsichtbare Mitarbeiter

Leitartikel Amazons unsichtbare Mitarbeiter

2000 Mitarbeiter und hunderte Roboter sorgen im Paket-Logistikzentrum von Amazon in Winsen (Luhe) dafür, dass jede Bestellung schnell verpackt und verschickt werden. Hier ordnet sich der Mensch dem Rhythmus der Roboter unter. Die Shopping-Freude der Kunden trübt das nicht. Eine Analyse von Christian Wölbert.

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Quelle: Wölbert

Hannover/Winsen. Rund 12.000 Pakete blieben am Freitag im DHL-Paketzentrum in Anderten liegen, weil rund 50 Mitarbeiter die Arbeit niederlegten. 12.000, das klingt erst einmal beeindruckend. Doch tatsächlich ist die Zahl kaum nennenswert:  Aktuell liefert das Paketzentrum täglich fast 200.000 Pakete aus.

Die wenigen liegen gebliebenen Sendungen zeigen also vor allem, wie machtlos die Gewerkschaft Verdi und ihre Mitglieder in den Tarifverhandlungen mit den Paketdiensten sind. Ihre Streiks stören das Weihnachtsgeschäft kaum. Dasselbe gilt für den Machtkampf zwischen Verdi und Amazon. Seit vier Jahren bestreikt die Gewerkschaft den Online-Händler nun schon - doch kaum ein Kunde musste deshalb länger auf ein Paket warten. Und auch die Öffentlichkeit interessiert sich kaum noch für den Versuch der Gewerkschaft, den Online-Händler, der bislang nicht nach Tarif zahlt, zu Verhandlungen zu zwingen. Dafür gibt es mehrere Gründe: Nur noch eine Minderheit der Händler und Spediteure zahlt überhaupt nach Tarif, außerdem kennen viele der jungen Mitarbeiter sich kaum im Arbeitsrecht aus.

Online-Shopping: ein anonymer Akt

Den Paketdiensten und Amazon spielt aber auch in die Hände, dass Online-Shopping ein anonymer Akt ist. Man klickt etwas an. Die Menschen, die dann die Arbeit erledigen, bleiben unsichtbar. Höchstens den Paketboten sieht man noch für ein paar Sekunden. Aber auch das wird seltener, denn der Trend geht zur bequemen Packstation.

Die Kunden sehen also nicht, unter welchen Bedingungen die Menschen im Online-Handel arbeiten. Sie interessieren sich ergo auch nicht dafür, und genauso wenig tut das die Politik.

Das ist ein Versäumnis - gerade im Fall Amazon. Auf dem Papier bietet der US-Konzern zwar gute Arbeitsbedingungen: ordentliche Löhne, eine kostenlose Berufsunfähigkeitsversicherung, klimatisierte Hallen. Andererseits automatisiert Amazon konsequenter als andere Firmen. Was das für die Mitarbeiter bedeutet, kann man besonders gut in Winsen an der Luhe sehen, dem ersten Amazon-Logistikzentrum in Niedersachsen und dem modernsten in Deutschland: Die meisten Mitarbeiter sind hier nur noch die Muskeln der Computer. Sie folgen Anweisungen vom Bildschirm, machen ein paar Handgriffe - und wieder von vorn.

Die Industrie 4.0 verspricht, dass Roboter den Menschen monotone Tätigkeiten abnehmen, aber hier sieht man das Gegenteil. Der Mensch ordnet sich dem Rhythmus der Roboter unter, passt sich in das System ein, weil die Maschinen eben nicht alles können.

Amazon ist da keine Ausnahme, nur der Vorreiter. Die Arbeit wird auch bei anderen Händlern und auch in anderen Branchen schneller und monotoner. Die Shopping-Freude der Kunden trübt das nicht. Das Maschinen-Mensch-System bleibt unsichtbar und läuft wie geschmiert.

Von Christian Wölbert

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