Menü
Hannoversche Allgemeine | Ihre Zeitung aus Hannover
Anmelden
Meinung Amazons unsichtbare Mitarbeiter
Nachrichten Meinung Amazons unsichtbare Mitarbeiter
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
00:17 27.11.2017
Quelle: Wölbert
Anzeige
Hannover/Winsen

Rund 12.000 Pakete blieben am Freitag im DHL-Paketzentrum in Anderten liegen, weil rund 50 Mitarbeiter die Arbeit niederlegten. 12.000, das klingt erst einmal beeindruckend. Doch tatsächlich ist die Zahl kaum nennenswert: Aktuell liefert das Paketzentrum täglich fast 200.000 Pakete aus.

Die wenigen liegen gebliebenen Sendungen zeigen also vor allem, wie machtlos die Gewerkschaft Verdi und ihre Mitglieder in den Tarifverhandlungen mit den Paketdiensten sind. Ihre Streiks stören das Weihnachtsgeschäft kaum. Dasselbe gilt für den Machtkampf zwischen Verdi und Amazon. Seit vier Jahren bestreikt die Gewerkschaft den Online-Händler nun schon - doch kaum ein Kunde musste deshalb länger auf ein Paket warten. Und auch die Öffentlichkeit interessiert sich kaum noch für den Versuch der Gewerkschaft, den Online-Händler, der bislang nicht nach Tarif zahlt, zu Verhandlungen zu zwingen. Dafür gibt es mehrere Gründe: Nur noch eine Minderheit der Händler und Spediteure zahlt überhaupt nach Tarif, außerdem kennen viele der jungen Mitarbeiter sich kaum im Arbeitsrecht aus.

Online-Shopping: ein anonymer Akt

Den Paketdiensten und Amazon spielt aber auch in die Hände, dass Online-Shopping ein anonymer Akt ist. Man klickt etwas an. Die Menschen, die dann die Arbeit erledigen, bleiben unsichtbar. Höchstens den Paketboten sieht man noch für ein paar Sekunden. Aber auch das wird seltener, denn der Trend geht zur bequemen Packstation.

Die Kunden sehen also nicht, unter welchen Bedingungen die Menschen im Online-Handel arbeiten. Sie interessieren sich ergo auch nicht dafür, und genauso wenig tut das die Politik.

Das ist ein Versäumnis - gerade im Fall Amazon. Auf dem Papier bietet der US-Konzern zwar gute Arbeitsbedingungen: ordentliche Löhne, eine kostenlose Berufsunfähigkeitsversicherung, klimatisierte Hallen. Andererseits automatisiert Amazon konsequenter als andere Firmen. Was das für die Mitarbeiter bedeutet, kann man besonders gut in Winsen an der Luhe sehen, dem ersten Amazon-Logistikzentrum in Niedersachsen und dem modernsten in Deutschland: Die meisten Mitarbeiter sind hier nur noch die Muskeln der Computer. Sie folgen Anweisungen vom Bildschirm, machen ein paar Handgriffe - und wieder von vorn.

Die Industrie 4.0 verspricht, dass Roboter den Menschen monotone Tätigkeiten abnehmen, aber hier sieht man das Gegenteil. Der Mensch ordnet sich dem Rhythmus der Roboter unter, passt sich in das System ein, weil die Maschinen eben nicht alles können.

Amazon ist da keine Ausnahme, nur der Vorreiter. Die Arbeit wird auch bei anderen Händlern und auch in anderen Branchen schneller und monotoner. Die Shopping-Freude der Kunden trübt das nicht. Das Maschinen-Mensch-System bleibt unsichtbar und läuft wie geschmiert.

Von Christian Wölbert

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Die HAZ freut sich am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Niedersachsen hat in den letzten Wochen bewiesen, was man auf den verschiedenen Bühnen Berlins derzeit schmerzlich vermisst: Ruhe, Zielstrebigkeit und Führungskraft. Die CDU und die SPD-Mitglieder haben gezeigt, wie man über den eigenen Schatten springen kann, ohne würdelos zu werden. Eine Analyse von Michael B. Berger.

Michael B. Berger 24.11.2017

Wegen des knappen Personals – das oftmals Fußball-Chaoten in Schach halten muss – will die Polizei keine Umzüge in Dörfern und Stadtteilen mehr begleiten. Ein Fehler, meint Mathias Klein.

Mathias Klein 21.11.2017

Die Große Koalition in Niedersachsen steht. Und die Startbedingungen sind gut: Es ist Geld in der Landeskasse, das neue Personal scheint vielfach gut gewählt. Nun gilt es die großen Themen anzupacken: Bildungspolitik, Inklusion, Kreisreformen und Entbürokratisierung. Ein Kommentar von Hendrik Brandt.

Hendrik Brandt 16.11.2017
Anzeige