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Meinung Obama sendet einen Weckruf an die Europäer
Nachrichten Meinung Obama sendet einen Weckruf an die Europäer
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02:15 28.04.2016
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Hannover

Bekommen unsere europäischen Politiker so etwas schon nicht mehr hin? Ausgerechnet ein Nichteuropäer hat jetzt mit verblüffender Wucht ein beeindruckendes Plädoyer für die europäische Einheit hingelegt: Barack Obama. „Ja, wir leben in beängstigenden Zeiten“, räumte Obama in seiner Rede vor jungen Leuten in Hannover ein. Hier und da wachse der Wunsch, sich ins Vertraute zu verkriechen, neue Trennlinien zu ziehen entlang von Rassen oder Religionen. Genau dieses Denken aber drehe die Zeit zurück und führe ins Verderben, im Extremfall sogar zu Mord und Totschlag wie in Srebrenica. Mit Europa hatte Obama in seinem Leben bislang ziemlich wenig zu tun. Obamas Vater war Kenianer, mit seiner Mutter lebte er zeitweise in Indonesien, bevor er nach Chicago ging. Als US-Präsident erschien ihm Europa jedenfalls nicht wichtiger als andere Gegenden. Inzwischen haben sich die Wahrnehmungen im Weißen Haus gewandelt. Denn die Europäische Union droht zu zerbröckeln.

Es ist ein langsamer, aber unübersehbarer Prozess. Von Skandinavien bis Südeuropa bohren rechtspopulistische Gruppen tagein, tagaus immer neue Löcher ins europäische Gebälk. In Frankreich könnte der Front National bald vorn liegen. In Österreich hat soeben ein FPÖ-Mann die erste Runde der Präsidentschaftswahl gewonnen. In Deutschland war die AfD bei den Landtagswahlen im März stark wie nie. Was, wenn das Projekt Europa platzt? Wenn der Film der europäischen Geschichte auf gespenstische Art rückwärts zu laufen beginnt? Dies hätte, warnt Obama, weltpolitische Fernwirkungen; es würde rund um den Globus alle Bemühungen überschatten, Feindschaften und Vorurteile hinter sich zu lassen.

Deshalb gelte: „Nicht nur Amerika, die ganze Welt braucht ein geeintes Europa.“ Haben die Europäer vergessen, welchen Schatz sie in Händen halten? Es war jedenfalls gut, dass Obama sie daran erinnert hat. Der Weckruf von Hannover war gut vorbereitet und kam zur rechten Zeit. Und doch hinterlässt Obamas Auftritt eher Wehmut als Aufbruchstimmung. Wer den Redner winkend und händeschüttelnd aus der Halle ziehen sah, fragte sich, ob in den USA auch nach der Präsidentenwahl im November noch ein vergleichbarer Freund Europas die Macht ausüben wird. Mit Blick auf all die klugen und menschlich warmen Dinge, die Obama in Hannover gesagt hat, lässt der Gedanke an einen möglichen US-Präsidenten Donald Trump noch mehr frösteln als zuvor.

Von Mathias Koch

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