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Darum zählt die Geste bei Steinmeiers Türkei-Besuch

Analyse von Jörg Kallmeyer Darum zählt die Geste bei Steinmeiers Türkei-Besuch

Wenn Steinmeier und Erdogan bald von Präsident zu Präsident miteinander reden, könnte alles anders sein. Beim Besuch des Außenministers in der Türkei am Dienstag zählte jedoch vor Allem die Geste. Und auch wenn es zum Schlagabtausch vor der Kamera kam – der gute Wille wurde gewürdigt. Eine Analyse von Jörg Kallmeyer.

Ankara/Berlin. Die ganze Welt spricht über Frank-Walter Steinmeier als künftigen Bundespräsidenten. Und was macht Frank-Walter Steinmeier? Seinen Job, den bisherigen. Er reist von Termin zu Termin, redet leise und mit Bedacht - er macht also das, was er in den vergangenen drei Jahren immer getan hat. Am Montag, dem Tag seiner Nominierung für Schloss Bellevue, pendelte Steinmeier zwischen Berlin und Brüssel. Am Dienstag war er in Ankara. Als Diplomat, nicht als Präsident.

Das jetzige, etwas niedrigere Profil macht ihm manches leichter. Von einem Präsidenten Steinmeier hätte man beim Besuch in Ankara nichts anderes als Klartext erwartet. Ein lautstarkes Signal gegen die Unterdrückung der Opposition, für die Pressefreiheit. Eine Warnung vor der Großmannssucht, ein Appell für Weltoffenheit. Irgendjemand, hoffen viele Deutsche, muss Recep Tayyip Erdogan doch einmal so richtig die Stirn bieten. Aber was hätte die ganz große Geste in der aktuellen Situation gebracht?

Das Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei ist gerade schwer belastet. Beim Besuch von Steinmeier in Ankara ging es um etwas anderes: Der Außenminister musste erst mal neue Brücken bauen, damit die Gespräche nicht vollständig abreißen. Und das gelingt nun einmal am besten mit Diplomatie. Und mit dem Eingeständnis eigener Fehler. Ja, auch ein Steinmeier macht Fehler. Als im Juli der Putsch in der Türkei scheiterte, fand sich weder der deutsche Außenminister noch ein anderes Mitglied der Bundesregierung bereit, den Türken den Respekt für die Niederschlagung des Militäraufstandes zu zeigen. Dass diese Grußbotschaft ausfiel, war eine diplomatische - und emotionale - Panne, an der noch heute alle Beteiligten leiden. Hätte Berlin etwa lieber das Militär siegen sehen? Die türkische Regierung schmollt, und im türkischen Volk gibt es antideutsche Reflexe.

Es ist daher ein Erfolg, dass Steinmeier nun als erster deutscher Spitzenpolitiker nach dem Putsch überhaupt in die Türkei gefahren ist. Nicht als Oberlehrer wollte er verstanden werden, doch seine Sorgen über den Zerfall der Demokratie in der Türkei sprach er für seine Verhältnisse sehr offen an – bei einem Treffen mit seinem Amtskollegen in eisiger Atmosphäre. Selbst vor den Kameras kam es zum Schlagabtausch. Doch immerhin: Der gute Wille Berlins wurde gewürdigt. Und die Nominierung zur Bundespräsidentenwahl hat dem deutschen Chefdiplomaten nicht geschadet. Der türkische Präsident empfing überraschend den deutschen Außenminister. Auch hier agierte Steinmeier mit stoischer Ruhe.

Wenn Steinmeier und Erdogan bald von Präsident zu Präsident miteinander reden, könnte manches anders sein. Am Dienstag zählte erst einmal die Geste. Auch wenn sie gerade besonders schwer fällt.

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Von Redakteur Jörg Kallmeyer