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Der Diesel wird noch gebraucht

Analyse Der Diesel wird noch gebraucht

Seit dem Abgas-Skandal von VW ist der Diesel ins Gerede gekommen. Er verbraucht zwar wenig und stößt wenig CO2 aus, allerdings viel gesundheitsschädliches Stickoxid. In den USA und Asien hat er deshalb keine Zukunft. Europa aber braucht die Dieselmotoren als Brückentechnologie. Eine Analyse von Stefan Winter.

Am Diesel scheiden sich die Geister. Seit Volkswagens Abgasmanipulationen aufgeflogen sind, kämpfen die Hersteller wieder um den Ruf der einstigen „Rußschleuder“, die sie mit viel Technik und nicht viel weniger Marketing zum „Clean Diesel“ geadelt hatten. Ohne ihn, das ist die einhellige Meinung, sind die Abgasvorschriften nicht einzuhalten. Derweil würden andere den Diesel am liebsten von den Straßen verbannen – ebenfalls im Namen der Umwelt. Die Präsidentin des Umweltbundesamtes hat gerade gefordert, die Innenstädte für ältere Diesel zu sperren.

Der Zuhörer kann sich da schon mal fragen, ob beide das Gleiche meinen. Nein, tun sie nicht. Die Autobranche redet von Spritverbrauch und Kohlendioxid – nicht gesundheits-, aber klimaschädlich. Der Diesel verbraucht weniger als der Benziner, stößt damit auch weniger CO2 aus. Die Kritiker reden von Stickoxiden, nicht klima-, aber gesundheitsschädlich. Der Diesel produziert davon mehr als der Benziner und gerät sofort ins Visier, wenn es darum geht, die Luft in Ballungsräumen sauberer zu machen. Überspitzt kann man also fragen: Was darf’s sein, Klima oder Gesundheit?

Die USA scheinen sich entschieden zu haben. So kann es passieren, dass ein VW Passat dort wegen Stickoxiden im Milligrammbereich als Umweltsünder am Pranger steht, während ein 2,5-Tonnen-Pick-up meistverkauftes Auto ist – Benziner, wenig Stickoxide, aber Alltagsverbrauch ab 15 Liter aufwärts. In den USA und auch Asien hat man sich nie nennenswert mit dem Diesel befasst, und nach dem Software-Desaster von VW wird man es erst recht nicht mehr tun. Für die Europäer aber hängt einiges von der Zukunft dieser Technik ab. Hier fährt jeder zweite Neuwagen mit den Motoren, und hier wird immer noch der größte Teil davon von Zehntausenden Menschen produziert.

Bis vor ein paar Monaten hielten die Autoentwickler den Diesel für den goldenen Mittelweg zwischen Sparsamkeit, Alltagstauglichkeit und Bezahlbarkeit. Jetzt kommt er plötzlich als Notlösung daher, der Vorsprung der Europäer kann unversehens zum Ballast werden. Denn klar ist, dass nicht zuletzt die Betrügereien von VW zu noch schärferen Abgasregeln und präziserer Überwachung führen werden. Die CO2-Grenzwerte der EU aber stehen. Wie will man sie schaffen, wenn der Diesel als sparsamster Antrieb plötzlich nicht mehr und die Alternative Elektromotor noch nicht wettbewerbsfähig ist?

Es wäre weder der Umwelt noch den Arbeitsplätzen in Europa gedient, wenn man nach dem VW-Skandal eine Schleuderbremsung hinlegen und den Diesel verdammen oder über neue Vorschriften aus dem Markt drängen würde. Die Hersteller wiederum sollten begriffen haben, dass die Antriebszukunft schneller kommen muss, als es ihre Kostenrechner gern hätten. Der Diesel ist eine Brückentechnologie – und ohne Brücken kommt man nicht ans Ziel.

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Staatsanwaltschaft

In der Abgas-Affäre bei Volkswagen könnten sich die Ermittlungen der zuständigen Staatsanwaltschaft Braunschweig lange hinziehen. Oberstaatsanwalt Klaus Ziehe sagte der "Süddeutschen Zeitung", immerhin müsse dabei ein möglicher Tatzeitraum von bis zu zehn Jahren aufgearbeitet werden.

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