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Die Wende in der Türkei

Analyse Die Wende in der Türkei

Die blutige Auseinandersetzung im Nahen Osten steht an einem wichtigen wie auch riskanten Wendepunkt. Recep Tayyip Erdogan kündigt den Friedensprozess mit der kurdischen Arbeiterpartei PKK auf - damit droht eine weitere, neue Front.  Eine Analyse von Stefan Koch.

Ein dramatischer Frontenwechsel zeichnet sich im syrisch-irakischen Kriegsgebiet ab. Die Türkei kündigt das Stillhalteabkommen mit der PKK, und die USA wollen eine Sicherheitszone an der syrischen Grenze errichten. Vor allem aber bezieht Ankara endlich eine klare Position zu den Terrormilizen des „Islamischen Staates“. Die blutige Auseinandersetzung im Nahen Osten steht damit an einem ebenso wichtigen wie riskanten Wendepunkt.

Es gehört zu den selten geäußerten Wahrheiten, dass der Nato-Partner Türkei beim Aufstieg der IS-Milizen eine zwielichtige Rolle spielte. In Washington häuften sich in den vergangenen Monaten die Hinweise auf eine rege Geschäftstätigkeit der IS-Unterhändler entlang der syrisch-türkischen Grenze. Regelmäßig wurde der Verdacht laut, dass Ankara den lukrativen Ölhandel der fanatischen „Gotteskrieger" billigend in Kauf nimmt und entlang der eigentlich so streng abgeschirmten Grenze so manches Schlupfloch für Schmuggler und Schleuser unbeobachtet lässt. Ihren Hauptgegner, so viel war offensichtlich, sah die türkische Regierung im Regime von Baschar al-Assad. Zumindest unterschwellig stiegen die Feinde der Feinde zu willigen Handlangern auf.

In den USA gilt es als entscheidender Erfolg, Ankara zu einer klaren Position gegen die IS-Milizen gedrängt zu haben, um die Gefahren durch den Brandherd einzudämmen. Nun endlich kann die US-Luftwaffe den Stützpunkt Incirlik nutzen, der unweit Syriens liegt. Das Eingreifen der Supermacht in das Bürgerkriegsgeschehen wird damit noch massiver, als es ohnehin schon ist. Die neue Sicherheitszone trägt überdies dazu bei, den Aktionsradius des IS weiter zu begrenzen, der in Nordsyrien und im Irak von den Kurden bekämpft wird. Das schwarze Banner der Islamisten verschwindet aus mehr und mehr Dörfern und Städten.

Die wiedererwachte amerikanisch-türkische Kooperation hat allerdings einen hohen Preis: Recep Tayyip Erdogan kündigt den Friedensprozess mit der kurdischen Arbeiterpartei PKK auf und lässt offenbar einige ihrer Stellungen bombardieren. Seine Attacken gelten nicht nur der eigenen - türkischen - Grenzsicherung, sondern auch dem wachsenden Selbstbewusstsein der Kurden, die ein eigenes Staatsgebilde in bald greifbarer Nähe sehen. Im wahrsten Sinne des Wortes haben sich die Kurden eine Position erkämpft, die auf lange Sicht eine Neuordnung der Landkarte erwarten lässt. Ohne ihre Standfestigkeit hätten die US-Luftschläge gegen den IS wenig ausrichten könnten.

In der schwer durchschaubaren Gemengelage der geschundenen Region droht damit eine weitere, neue Front. Eigentlich wollen die USA nur ihren Einsatz erhöhen, um den blutigen Kämpfen möglichst bald ein Ende zu setzen. Zugleich müssen sie aber erkennen, wie schwer sich die Grenzen zwischen Freund und Feind ziehen lassen.

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