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Große Kunst

Iran und Diplomatie Große Kunst

Atom-Vertrag mit dem Iran markiert eine Zeitenwende im Umgang zweier Welten, die sich drei Jahrzehnte feindselig angeschwiegen haben. Drei Männer haben es möglich gemacht. Eine Analyse von Susanne Iden.

Es gibt Anfänge, die sind in sich schon ein abgeschlossenes Meisterwerk. Der Atom-Vertrag mit dem Iran gehört dazu. Er markiert eine Zeitenwende im Umgang zweier Welten, die sich drei Jahrzehnte feindselig angeschwiegen haben. Er zeugt von großer diplomatischer Kunst. Er zeugt auch von Rückbesinnung auf Tugenden, die in Zeiten von WikiLeaks und NSA und Krieg um nicht vorhandene Massenvernichtungswaffen vergessen schienen: Verschwiegenheit. Vertrauen. Geduld.

Drei Männer haben es möglich gemacht. Der eine ist US-Präsident Barack Obama – der in aller Stille Weltpolitik betrieben hat, als alle Welt ihn schon als Enttäuschung abgeschrieben hatte. Der andere ist der iranische Aufbruch-Präsident Hassan Rohani – in dessen Friedensfähigkeit die Welt wohl zu Recht große Hoffnungen setzt. Der dritte ist der Mann, der wie kein anderer für den alten, fundamentalistischen, unversöhnlichen Gottesstaat steht: Revolutionsführer Ali Khamenei. Der Ajatollah ist seit einem Vierteljahrhundert die höchste politische Instanz des schiitischen Irans. Wenn er sagt „Es ist genug, wir brauchen Frieden“, dann gilt es auch. Der Segen des Ajatollahs verleiht dem provisorischen Vertrag politische Wucht.

Ein positiver Wandel, wie ihn die Welt ...

Viel ist in diesen Tagen der Genfer Verhandlungen die Rede davon gewesen, dass „der Iran sich bewegt“, von „Zugeständnissen“ Teherans, davon, dass die Sanktionen das Regime in die Knie gezwungen hätten. Die Sprache nährt eine falsche Vorstellung. Nämlich die, dass Politik eine Einbahnstraße sei. Das ist sie nicht.

Der Übergangsvertrag zur Kontrolle und Begrenzung des iranischen Atomprogramms ist nur zustande gekommen, weil der US-Präsident sich zuerst bewegt hat. Damit hat er eine Größe und Stärke bewiesen, an die nur noch wenige geglaubt haben. Obama weiß, dass ohne einen Politikwandel in Washington auch in Teheran alles beim Alten bleibt. Dass ohne eigenes Einlenken am Ende wohl nur Gewalt geblieben wäre, um die Aufrüstung des Irans zur Atommacht zu verhindern.

Zur Erinnerung: 2003 war im Iran schon einmal ein Reformer Präsident, Mohammad Chatami. Er schickte seinerzeit einen gewissen Hassan Rohani als Atom-Unterhändler in Gespräche mit deutschen, französischen und britischen Vermittlern. Man kam einer Einigung nahe, die das iranische Programm auf Forschung und Medizin begrenzt, die  Uran-Anreicherung eingestellt und den Bau der Atombombe unmöglich gemacht hätte. Der Kompromiss scheiterte am Einspruch der USA.
In Washington regierte damals George W. Bush, der den Iran mit dem Irak und Nordkorea zur „Achse des Bösen“ erklärt hatte. Seine Verweigerung hat ihren Teil dazu beigetragen, dass das Mullah-Regime Jahr für Jahr näher herangekommen ist an die Fähigkeit, die Bombe zu bauen.

Das Neudenken amerikanischer Optionen ist die eigentliche Sensation von Genf. Dabei ist es eigentlich nur die Einlösung eines fast vergessenen Versprechens. Im Wahlkampf 2008 hatte der junge Senator Obama vollmundig eine „offensive persönliche Diplomatie“ im Iran versprochen, danach war nichts. Der politische Wille wie die Durchsetzungsfähigkeit schienen, wie auf so vielen Feldern, verloren. Erst jetzt weiß die Welt, dass dem nicht so war.

... seit 34 Jahren nicht gesehen hat

Der Vertrag von Genf ist in jahrelanger Kleinarbeit vorbereitet worden. Immer mehr Details werden bekannt über die entscheidenden Monate, in denen Außenminister John Kerry den Oman als Gastgeber für Geheimgespräche gewann. In denen Delegationen beider Länder unerkannt durch Seiteneingänge und in Lastenaufzügen in Konferenzzimmer schlichen. Es wurden Verhandlungen daraus, in denen die EU-Außenbeauftragte ­Catherine Ashton die Führung für die UN-Vetomächte und Deutschland übernahm – was übrigens auch angebliche und reale transatlantische Verwerfungen in etwas milderes Licht rückt.

Die Präsidenten Obama und Rohani sind die Ersten, die einräumen, dass der Weg noch lang ist bis zum endgültigen Ziel: Der Iran unterlässt alles, was zum Bau der Atombombe führen könnte. Im Gegenzug fallen alle Sanktionen. Ein Schritt nach dem anderen, ist die Devise für die kommenden sechs Monate. Alte Ängste und Widerstände lassen sich nicht so schnell abbauen, weder in Israel noch im US-Kongress oder bei den Hardlinern in Teheran.
Wer aber glaubt, dass das unmöglich ist,  der frage den Ajatollah Khamenei – oder schaue sich die Bilder aus Genf an. Da umarmen erleichterte Männer und Frauen einander, in Hotellobbys sitzen amerikanische und iranische Diplomaten im trauten Gespräch. Das hat die Welt 34 Jahre nicht gesehen. Es ist ein Anfang.

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