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Heute geht es um Europa

Analyse Heute geht es um Europa

4,2 Millionen Schotten sind am Donnerstag aufgerufen, über die Unabhängigkeit ihres Landes abzustimmen. Doch es geht sogar um viel mehr. Ein Zerfall Großbritanniens hätte Auswirkungen auf ganz Europa. Eine Analyse von Michael Pohl.

Einige Anwohner aus der Grenzregion zwischen England und Schottland haben in dieser Woche spaßeshalber schon mal den Ernstfall geprobt: Dort, wo man eigentlich ungehindert zwischen einem Teil Großbritanniens und dem anderen hin und her fahren kann, installierten sie eine Schranke, samt täuschend echt aussehendem Schild: „Passkontrolle - geöffnet ab 19. September.“

4,2 Millionen Schotten sind am Donnerstag aufgerufen, über die Unabhängigkeit ihres Landes abzustimmen. Und was noch vor wenigen Wochen abwegig schien, haben Umfragen nun untermauert: Es besteht eine reelle Chance auf eine Teilung der Insel. Beide Lager sind sich dicht auf den Fersen. Viele Briten ahnen: Wenn sie morgen früh aufwachen und die Stimmen ausgezählt sind, könnte ihr Land nicht mehr dasselbe sein.

Doch es geht sogar um viel mehr. Ein Zerfall Großbritanniens hätte Auswirkungen auf ganz Europa. Das Parlament in Edinburgh müsste sich formal neu um eine Mitgliedschaft in der EU bewerben, während der Rest Großbritanniens automatisch Teil der Gemeinschaft bliebe. In Brüssel fürchtet man allerdings weniger solche Neuverhandlungen als vielmehr eine Art Dominoeffekt an anderen Stellen in der EU: Auch in Flandern und Nordirland, in Katalonien und dem Baskenland gibt es Autonomiebestrebungen. Was passiert, wenn das Beispiel Schottland überall Schule macht? Können Spanien oder Belgien die Rufe nach Unabhängigkeit einzelner Landesteile weiter vom Tisch wischen?

Schottland hätte hingegen durchaus Chancen auf eine Rückkehr in die EU. Wirtschaftliche Kriterien dürften dem nicht entgegenstehen, auch alle anderen Voraussetzungen erfüllt das Land bereits. Fraglich ist aber, ob es innerhalb Europas wirklich ein einstimmiges Votum dafür gäbe. Vor allem jene Länder, in denen Regionen selbst nach Autonomie streben, dürften aus innenpolitischen Gründen erst einmal abwinken.

Der britische Premier David Cameron wollte mit dem Referendum die Autonomiebewegungen in Schottland ein für alle Mal zum Schweigen bringen. Nun aber sieht es so aus, als habe er sich verzockt. Das wirft mit Blick auf ein anderes Versprechen des Premiers Fragen auf. Cameron will im Falle seiner Wiederwahl ab 2015 alle Briten über einen möglichen Austritt Großbritanniens aus der EU abstimmen lassen. Nun ist auch dem Letzten bewusst: Das Beispiel Schottland lässt für Europa nichts Gutes erahnen. Das Kalkül Beruhigung per Volksabstimmung geht nicht auf.

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Grasdorf/Hemmingen
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