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Sorgen aus dem Osten

Analyse Sorgen aus dem Osten

Unter die russischen Asylantragsteller tschetschenischer Herkunft mischen sich offenbar gefährliche Islamisten. Das ist beunruhigend und für den Ruf der ohnehin mit Misstrauen bedachten Tschetschenen verheerend. Eine Analyse von Marina Kormbaki.

Berlin. Die Sicherheitsbehörden sind seit Monaten wachsam, nun scheint sich ihr Verdacht zu bestätigen. Unter die russischen Asylantragsteller tschetschenischer Herkunft mischen sich offenbar gefährliche Islamisten. Die Polizei durchsuchte am Dienstag die Wohnungen Verdächtiger. Ihnen wird Terrorfinanzierung vorgeworfen; einer von ihnen wollte sich wohl dem „Islamischen Staat“ in Syrien anschließen. Von der Miliz ist bekannt, dass ganze Einheiten aus Tschetschenen bestehen. Zu befürchten ist, dass sie auch in Deutschland Unterstützer haben. Das ist beunruhigend und für den Ruf der ohnehin mit Misstrauen bedachten Tschetschenen verheerend.

Zuletzt ist die Zahl tschetschenischer Asylbewerber sprunghaft angestiegen. In den ersten neun Monaten dieses Jahres stellten 8374 einen Antrag, fast doppelt so viele wie im ganzen Vorjahr. Selbstverständlich sind sie nicht alle Terrorsympathisanten - die meisten fliehen vor Repressionen. Aber mit ihrer Zahl steigt auch das Risiko.

Es sind meist Großfamilien mit Älteren und Kindern, die über die polnische und tschechische Grenze nach Deutschland kommen. Hier und in anderen westlichen EU-Staaten suchen sie Schutz vor dem Gewaltregime des tschetschenischen Herrschers Ramsan Kadyrow oder schlicht ein besseres Leben. Zwar erhalten zurzeit in Deutschland nur drei von hundert Tschetschenen Asyl - die meisten müssen zurück nach Polen, wo sie zuerst EU-Boden betraten. Doch auch nach der Abschiebung steht ihnen der Weg zurück nach Deutschland oder in andere Schengen-Länder meist offen. So ist die EU für Zehntausende Tschetschenen zum Verschiebebahnhof geworden. Weder Asyl- noch Sicherheitsbehörden behalten da leicht den Überblick.

Behördenmitarbeiter und Flüchtlingshelfer berichten zudem von einer unter Tschetschenen verbreiteten hohen Gewaltbereitschaft. Zwei Kriege gegen Russland sowie Verschleppung und Folter durch die Schergen des von Moskau eingesetzten Autokraten Kadyrow haben eine traumatisierte, brutalisierte Gesellschaft geschaffen. Kadyrow stützt seine Herrschaft auf Nationalismus, Machismo und eine konservative Auslegung des Islam.

Zur Verdrängung des eigentlich moderaten Islam im Nordkaukasus trägt überdies der von Saudi-Arabien geförderte Bau von Moscheen bei, die den erzkonservativen wahhabitischen Islam predigen. An diesen kann die Ideologie des „Islamischen Staates“ anknüpfen. Gepaart mit den Unabhängigkeitsbestrebungen vieler Tschetschenen gegenüber Putins Russland erwächst daraus ein Radikalismus, der keine Grenzen kennt - auch keine geografischen. Schauplatz dieses Extremismus kann der Mittlere Osten sein. Oder Europa.

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