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Kindheit auf der Flucht

Analyse Kindheit auf der Flucht

Die Flüchtlingskrise beherrscht nicht mehr die Titelseiten - erledigt hat sie sich damit aber nicht. Ganz im Gegenteil: Das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen hat jetzt Zahlen zum Ausmaß von Flucht und Vertreibung vorgestellt. Sie lassen nur einen Schluss zu: Die Welt ist in großer Unordnung. Eine Analyse von Marina Kormbaki.

Berlin. Nie zuvor haben die Vereinten Nationen so viele Geflüchtete gezählt wie im vergangenen Jahr. Mehr als 65 Millionen Menschen mussten ihre Heimat verlassen, weil sie dort ihres Lebens nicht mehr sicher sind. Die meisten suchen Schutz im eigenen Land. Nur ein Drittel harrt im Ausland aus. Und davon gelangt nur eine kleine Minderheit allen Gefahren zum Trotz nach Europa. Es ist mitnichten unser reicher Kontinent, der die Hauptlast trägt. Diese schlichte Wahrheit wird von nationalistischen Untergangsapologeten gern verschwiegen.

So unterschiedlich das Leben in deutschen, jordanischen oder kenianischen Flüchtlingslagern ist - eine Gemeinsamkeit gibt es doch: Viele der Bewohner sind Kinder. Mehr als die Hälfte aller Geflüchteten sind noch keine 18 Jahre alt. Flucht im 21. Jahrhundert - das ist vor allem eine Kindheitserfahrung.

Eine Flucht ist gefährlich. Dies gilt erst recht für die Verletzlichsten unter den Schutzlosen. Kinder sind leichte Beute für Kriminelle, zumal wenn sie ohne ihre Eltern unterwegs sind. Jungen werden zum Kriegsdienst gezwungen, Mädchen erleiden Zwangsehen und Vergewaltigungen. Ausbeutung ist keine Ausnahmeerfahrung von Kindern auf der Flucht - es ist die Regel. Und dann die ständige Ungewissheit: Syrische Kinder, die heute fünf Jahre alt sind, haben nicht erfahren, was Sicherheit und Geborgenheit bedeuten. Mit ihrer Geburt brach der Krieg über Syrien herein. Ihre Kindheit ist ein Kampf ums Überleben.

Es wächst eine seelisch und körperlich verwundete Generation heran. Was soll aus ihr werden? Nur ein Bruchteil der Kinder auf der Flucht lernt Lesen und Schreiben. Schulische Bildung ist selbst in den großen, von internationalen Organisationen betriebenen Flüchtlingslagern ein Luxusgut. Schuld daran ist auch die Ignoranz wohlhabender Staaten, die dafür nicht zahlen wollen. Dabei wäre eine bessere Ausstattung eine Möglichkeit, rasch die Not zu lindern.

Was hilft auf lange Sicht? „Man muss Fluchtursachen vor Ort bekämpfen“, heißt es oft. Doch der Satz ist zur Phrase der Bequemlichkeit verkommen. Ja, Deutsche, Europäer, der Westen, alle müssen Fluchtursachen vor Ort bekämpfen. Aber man sollte bei sich selbst ansetzen. Viele deuten auf Kriege, Bürgerkriege und Fundamentalismus. Doch auch westliche Militärschläge, Rüstungsdeals und subventionierte Lebensmittelexporte tragen bei zu Fluchtbewegungen. Alles hängt mit allem zusammen. Wo ist das Staatenbündnis, das die Flüchtlingskrise wirklich bewältigen will? Es stimmt: Fluchtursachen muss man vor Ort angehen. Doch das ist eine globale Aufgabe.

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Von Redakteur Marina Kormbaki