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Regieren bald die Sportfunktionäre?

Analyse Regieren bald die Sportfunktionäre?

Die Fußballbosse haben Hannover bei der Vergabe der Spielstätten für die Fußball-Europameisterschaft 2024 übergangen. Erst war der Schreck groß. Doch je mehr man über die Vergabekriterien erfährt, desto entspannter kann man sein: Das ach so saubere Auswahlverfahren ist offenbar selbst Teil des Problems.  Eine Analyse von Felix Hartbart.

Als DFB-Präsident Reinhard Grindel vergangene Woche die zehn deutschen Bewerberstädte für die Fußball-Europameisterschaft 2024 vorlas, war der Schreck in Hannover groß: Die Fußballbosse hatten die Stadt übergangen. Doch je mehr man über die Vergabekriterien und vor allem die Bedingungen des Europäischen Fußballverbandes (Uefa) erfährt, desto entspannter kann man sein: Das ach so saubere Auswahlverfahren, von dem Grindel gern spricht, ist in seinen Voraussetzungen und Vorschriften offenbar selbst Teil des Problems.

Hat jemand noch die zu Recht aufgeregte Berichterstattung über die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi im Ohr? Dort hielten die Organisatoren Demonstranten, die gegen die Veranstaltung protestierten, aus jenen Bereichen fern, in denen Fernsehkameras Notiz von ihnen hätten nehmen können. Ein klarer Eingriff in die Demonstrationsfreiheit, der in Deutschland nicht vom Grundgesetz gedeckt gewesen wäre. So was geht nur bei Putin. Dachte man.

Jetzt aber stellt sich heraus, dass die Uefa genau das im Jahr 2024 auch von Köln, Berlin, München und den sieben anderen Ausrichterstädten verlangt: Rund um die Stadien und Flughäfen sollen die Behörden Demonstrationen „politischen oder religiösen Inhalts“ unterbinden. Nur weil Fußball gespielt wird. Ob sie dieser Bedingung zugestimmt haben oder nicht, darüber dürfen die Städte einer Vereinbarung mit der Uefa zufolge nicht einmal reden. In ihrer Hasenfüßigkeit gegenüber dem großen Fußballverband halten sich viele auch daran. Auch aus dem hannoverschen Rathaus erfährt man nichts dazu.

Man hätte auch gern gewusst, ob die Landeshauptstadt zugestimmt hat, im Zweifelsfall „lokale Gesetze“ nach dem Gusto der Uefa zu ändern. Und ob man das ganze Stadtbild für die Werbung der EM-Sponsoren freigehalten hätte. Man möchte daran glauben, dass etwa Hannovers Oberbürgermeister Stefan Schostok sich gegen all das verwahrt hat und somit die Bewerbung an der Redlichkeit und Widerstandskraft Hannovers gescheitert ist. Aber so ist es vermutlich nicht gewesen.

Wenn nun also auch die niedersächsische Justizministerin dem DFB vorwirft, er verpflichte die Städte zum „Verfassungsbruch“, dann ist das weit mehr als die Pose der schlechten Verliererin. Sicher, der Hinweis, Hannover habe zu wenig feine Hotels, ist zu beachten. Und wenn der DFB-Generalsekretär die „Messestädte Leipzig und Düsseldorf“ preist, das Wort von der „Messestadt Hannover“ aber gar nicht fällt, muss man sich an der Leine Gedanken machen – EM hin oder her. Dass aber Sportfunktionäre und ihre Sponsoren inzwischen die Macht haben, sogar Grundregeln unseres Zusammenlebens zu dehnen, lässt dann doch frösteln.

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