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Es fehlt ein überzeugendes Rentenkonzept

Analyse zu Rente mit 70 Es fehlt ein überzeugendes Rentenkonzept

Die Menschen werden immer älter, die Rente immer teurer und immer weniger Menschen können im Alter von ihren Bezügen anständig leben. Ist es also die Lösung, die Rente an die Lebenserwartung zu koppeln? Wohl kaum. Eine Analyse.

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 verkraftbar

Renteneintritt erst mit 70? Wohl kaum die Lösung des Problems.

Quelle: dpa

Berlin. Die Drake-Formel ist unter Astronomen berühmt: Mit ihr lässt sich berechnen, wie viele außerirdische intelligente Lebewesen unsere Galaxie bevölkern. Das Problem ist, dass mindestens vier der sieben Faktoren dieser Gleichung praktisch nur geschätzt werden können. Ein wenig scheint es, als ob es sich mit der Rentenformel ganz ähnlich verhält: Wer wissen will, wie viel Rente er bekommen wird, muss ziemlich viele Unsicherheitsfaktoren berücksichtigen. Finanzminister Schäuble möchte diesem mathematischen Konstrukt jetzt noch eine Variable hinzufügen: Der Rentenbeginn soll quasi automatisch an die Lebenserwartung gekoppelt werden.

Die von Schäuble genannten Probleme des Rentensystems sind lange bekannt. Sicher ist, dass einer immer größer werdenden Zahl von Rentenbeziehern eine immer kleinere Zahl von Rentenbeitragszahlern gegenübersteht. Das lässt sich auch nicht einfach durch den Zuzug von Flüchtlingen oder anderen Einwanderern ausgleichen, weil das wieder andere Probleme mit sich bringen könnte. Zu Recht weist Schäuble zudem darauf hin, dass der demografische Wandel auch das Gesundheitssystem und die Pflege schwer belasten wird. Das ist alles wahr - und führt deshalb gleich zur Frage, warum die Bundesregierung sich nicht längst darum gekümmert hat. Im Gesundheitswesen ist es immer noch nicht gelungen, die Kostenexplosion zu stoppen; in der Pflege hat man jetzt erst angefangen, sich ernsthaft mit Demenz zu befassen. Und an der Rente doktert man zwar seit 15 Jahren herum, seit Rot-Grün die Senkung des Rentenniveaus beschlossen hat. Doch heute wird vor allem klar, dass immer weniger Menschen von der gesetzlichen Rente anständig werden leben können.

Schäubles Ansatz verspricht den künftigen Rentnern deshalb auch nichts Gutes; am Ende geht es nämlich darum, bei ihnen zu sparen. Denn viele Menschen gehen aus gesundheitlichen oder anderen Gründen vorzeitig in den Ruhestand - mit erheblichen Abstrichen bei der Rente. Schäuble spekuliert darauf, dass dies auch künftig so sein wird: Gilt dann etwa ein Renteneintrittsalter ab 70 Jahren, würden diese Abstriche für jemanden, der zum Beispiel schon mit 63 gehen will, deutlich höher ausfallen als heute.

Es fehlt noch immer ein überzeugendes Rentenkonzept. Es reicht nicht, die Rentenformel einfach um einen weiteren Faktor zu erweitern, um sich das Rentensystem schönzurechnen. Denn dabei kommt stets nur dasselbe heraus: immer weniger.

Von Udo Harms

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