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Tödliche Einsamkeit in Höxter

Analyse von Thorsten Fuchs Tödliche Einsamkeit in Höxter

Wilfried und Angelika W., die seit Mittwoch in Paderborn vor Gericht stehen, sind nach allem, was man weiß, für unfassbare Verbrechen verantwortlich. Warum machen Menschen so etwas? Oder warum lassen sich andere freiwillig auf solche Grausamkeiten ein? Die Geschehnisse im "Horrorhaus von Höxter" werfen viele Fragen auf. Eine Analyse von Thorsten Fuchs.

Paderborn. Wie verzweifelt muss man sein? Wie schwer erträglich muss einem das eigene Leben erscheinen, wenn man freiwillig in das Haus eines offenkundig psychopathischen Paares zieht – und nach einer Pause sogar an den Ort von Qual und Erniedrigung zurückkehrt? Warum lassen sich Menschen so etwas gefallen? Diese Frage müssen die Richter des Landgerichts Paderborn in den kommenden Wochen nicht beantworten. Und doch ist es die Frage, um die es in dem Prozess um das „Horrorhaus von Höxter“ eben auch gehen wird.

Wilfried und Angelika W., die seit Mittwoch in Paderborn vor Gericht stehen, sind nach allem, was man weiß, für unfassbare Verbrechen verantwortlich. Sie haben über Jahre hinweg Frauen zu sich gelockt, haben sie gedemütigt, beraubt, gequält - und in mindestens zwei Fällen zu Tode misshandelt. Es ist nicht die Zahl der Opfer, die diese Verbrechen so schockierend macht - es sind die seelischen Abgründe, die hier offenbar werden, es ist die Gefühlskälte, mit der die Peiniger vorgingen, und es sind die vielen Jahre, in denen niemand die Taten bemerkte oder zur Polizei ging. Der Kioskbesitzer und die Gärtnerin, das ist eine Geschichte von Sadismus, Hörigkeit, extremer Grausamkeit und hoher krimineller Energie. Aber auch von Rahmenbedingungen, die ihnen ihre Verbrechen zumindest erleichtert haben. Das Horrorhaus von Höxter hätte es ohne Einsamkeit, Isolation und brüchige Beziehungen nicht geben können.

Dabei ist die Anonymität, die die Städte schon lange und das Land immer stärker prägt, durchaus eine Errungenschaft. Man kann es jedenfalls als Vorteil sehen, dass man auch im 500-Einwohner-Dorf nicht mehr jedem Nachbarn erklären muss, welchen Damenbesuch man gerade beherbergt. Man muss es nicht bedauern, dass man in seinem Siedlungshäuschen in einer Ménage à trois leben kann, ohne dass sich jemand daran stört. Und es ist gut, dass sich Singles ihrer neuen Liebe aus dem Netz hingeben können, ohne sich dafür gleich gegenüber den Verwandten rechtfertigen zu müssen. Man kann das alles Toleranz nennen. Oder Gleichgültigkeit.

Der Fall Höxter-Bosseborn zeigt die Kehrseite dieser Errungenschaften. Da interessierte sich niemand dafür, wer die eigenartigen Nachbarn eigentlich waren. Da konnten Menschen verschwinden, ohne dass sie jemand vermisste. Und da waren Frauen, die die Einsamkeit und Anonymität so leid waren, dass sie letztlich akzeptierten, für eine neue Beziehung selbst Unerträgliches zu ertragen.

Die Richter werden Wilfried und Angelika W. aller Wahrscheinlichkeit nach hart bestrafen. Ihre Verbrechen sind ein entsetzlicher Einzelfall. Das Erschreckende ist, dass er sich jederzeit überall wiederholen könnte.

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