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Was wird aus der Landwirtschaft?

Analyse Was wird aus der Landwirtschaft?

Resignation in der Agrarwirtschaft: Die Bauern sind müde. Hunderte geben jedes Jahr den Betrieb auf, viel mehr überlegen, wie lange sie noch durchhalten müssen, um im Ruhestand nicht zu verarmen. Wie soll es weitergehen? Eine Analyse von Heiko Randermann.

Hannover. Bauern sind zupackende Menschen, streitbar können sie sein und ziemlich direkt. Wenn ihnen in der Politik was nicht passt, dann können sie mit Treckern Straßen blockieren oder Mist vor dem Ministerium abladen. Doch wer mit Landwirten in diesen Tagen spricht, der erlebt Resignation. Die Bauern sind müde. Hunderte geben jedes Jahr den Betrieb auf, viel mehr überlegen, wie lange sie noch durchhalten müssen, um im Ruhestand nicht zu verarmen. Neueinsteiger gibt es faktisch nicht. Wir stecken in einer Agrarkrise deren Auswirkungen vor allem außerhalb der Landwirtschaft längst noch nicht jedem klar sind.

Die Bauern stehen von zwei Seiten unter Druck: Durch den Markt auf der einen und die wachsen den Auflagen für Tier- oder Umweltschutz auf der anderen Seite. Den Markt mit seinen eher schrumpfenden Preisen sehen viele Landwirte inzwischen als gottgegeben an wie das Wetter. Einen Hebel sehen sie allenfalls darin, die Politik dazu zu bewegen, bei den Auflagen weniger Druck zu machen. Manche würden auch gerne ganz auf Auflagen verzichten - in der ehrlichen Überzeugung, dass niemand besser weiß, was ihrem Boden und ihren Tieren gut tut als sie selber.

Doch ohne Auflagen geht es nicht. Schaut man sich die Nitratbelastung der Gewässer an, ist klar, dass über die Jahre insgesamt zu viel an Gülle und Mineraldünger auf die Felder gebracht wurde. Dafür muss man nicht mal davon ausgehen, dass die Bauern verschwenderisch mit ihrem Dünger umgegangen sind. Aber das Zusammenwirken aller Landwirte hat diese Entwicklung verursacht. Eine ähnliche Entwicklung gibt es in den Großstädten: Durch zu viel Autoverkehr sind die Stickoxidwerte der Luft zu hoch.

Das Problem mit den Auflagen: Es treibt das Höfesterben weiter voran. Denn jede Auflage bedeutet Investitionen in neue Technik, neue Ställe oder neue Fahrzeuge. Große Unternehmen haben den Puffer, um das zu stemmen, kleine Unternehmen müssen schnell aufgeben. Niedersachsens Landwirtschaftsminister Christian Meyer (Grüne) fordert beides: Mehr Umwelt- und Tierschutz - und gleichzeitig ein Ende des Höfesterbens. Seine Forderungen passen in der Praxis vieler Höfe nicht zusammen - es ist vielleicht der Hauptgrund, weshalb der Minister von vielen Landwirten als unehrlich wahrgenommen wird.

Doch Meyer ist nicht der einzige, der sich mit klaren Worten schwer tut. Die Menschen reden von Bio, aber kaufen billig. Das Höfesterben lässt sich verlangsamen, aber nicht aufhalten. Markt und Auflagen sorgen dafür, dass die Landwirtschaft sich grundlegend wandelt. Was daran gut oder schlecht ist, ist damit nicht gesagt. Aber wenn wir reden und mitbestimmen wollen, wie die Landwirtschaft der Zukunft aussehen soll, müssen wir lernen, ehrlich mit dem Thema umzugehen.

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