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Trump braucht eine Chance

Analyse zur US-Wahl Trump braucht eine Chance

Selten in der amerikanischen Geschichte ist es Wahlverlierern so schwer gefallen, sich mit dem Ergebnis einer Präsidentschaftswahl abzufinden. Die Herausforderung für Donald Trump ist enorm, die Gräben, die er selbst aufgerissen hat, wieder zu schließen. Doch es keimt auch die vage Hoffnung, dass es nicht so kommt, wie viele Pessimisten jetzt befürchten. Eine Analyse von Stefan Koch. 

Washington. Demonstranten ziehen lautstark durch New York, sie protestieren in Washington und legen sich mit der Polizei in Chicago an. Selten in der amerikanischen Geschichte ist es Wahlverlierern so schwer gefallen, sich mit dem Ergebnis einer Präsidentschaftswahl abzufinden. Während die vermeintlichen Wutbürger ihrer alltäglichen Arbeit nachgehen, schreit sich die junge Generation ihren Ärger aus dem Leib. Die Herausforderung für Donald Trump ist enorm, die Gräben, die er selbst aufgerissen hat, wieder zu schließen.

Trotz aller Aufregung läuft der Machtwechsel jetzt wie ein Uhrwerk: Am Donnerstag gab es im Oval Office für den Sieger eine erste Arbeitsplatzeinweisung und am 20. Januar, Mittags um 12 Uhr, beginnt die Trump-Ära.

Es ist beruhigend zu wissen, dass er nicht wie ein Alleinherrscher im Weißen Haus residieren wird. Ein US-Präsident entfaltet seine Machtfülle nur, wenn er sich auf mehrere Säulen stützen kann – das Amt, den Kongress und den Obersten Gerichtshof. Im Schlachtenlärm der vergangenen Tage ist untergegangen, dass im Senat ausgerechnet diejenigen Republikaner zusammentreten, die für eine seriöse Außenpolitik stehen. Und ausgerechnet der 80-jährige John McCain sieht sich als neuer Wortführer einer konservativen Mehrheit. Sie steht dem künftigen „Commander in Chief“ sehr skeptisch gegenüber. Und das Repräsentantenhaus wird von Paul Ryan geführt, der sich im Wahlkampf weigerte, mit Trump die Bühne zu betreten.

Auf die schwierige Konstellation gab der neue Präsident in seiner ersten Rede nach der Wahl eine vernünftige Antwort: Der 70-Jährige sprach von Außenministerin Clinton (und nicht mehr von „crooked Hillary“), er zollte ihrer Lebensleistung großen Respekt (und verlangte nicht mehr, sie ins Gefängnis zu werfen) und gab sich als Präsident, der sich als Vertreter aller Republikaner, Demokraten und Unabhängigen sieht.

Seit dieser Rede schimmert eine vage Hoffnung: Könnte er sich ähnlich entwickeln wie 1981 der eher mittelmäßige Schauspieler Ronald Reagan, der zunächst verspottet wurde und heute als einer der größten Präsidenten der jüngeren Geschichte gilt? Zwar hinterließ Trump im Wahlkampf viel verbrannte Erde. Allerdings stammt er aus einem liberalen und großstädtisch geprägten Haus, das einen entspannten Umgang mit allen sozialen Milieus pflegt. Ausgestattet mit einer breiten parlamentarischen Mehrheit besitzt Trump daher alle Möglichkeiten, den Verlierern die Hand zu reichen. Er sollte die Chance bekommen, das zu tun.

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