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Das Lager ist Geschichte, die Krise nicht

Analyse zu Idomeni Das Lager ist Geschichte, die Krise nicht

Idomeni steht für das Scheitern der Europäischen Flüchtlingspolitik. Die Räumung des Elendslagers ist das Ende vieler Hoffnungen. Doch Menschlichkeit hat eine Obergrenze,  schreibt Jörg Kallmeyer in seiner Analyse.

Idomeni. Was, um Himmels willen, hat die Flüchtlinge so lange im Lager Idomeni gehalten? Im März, als in Nordgriechenland noch mehr als 15.000 Menschen campierten, konnte man hoffen, dass sich die Balkanroute doch wieder öffnen würde. Aber heute? Alle wissen, dass der Weg nach Norden versperrt ist. Das Flüchtlingslager Idomeni ist längst zum Elendslager geworden. Es hat am Ende auch Kriminelle und skrupellose Geschäftemacher angelockt, Menschen, die nun einmal Räume schätzen, in denen der Staat keine Macht hat. Was aber wollten dort noch die Tausenden von Flüchtlingen, die man nun unter sanften Drohungen in andere Unterkünfte bringt?

Ein alter Mann aus Syrien hat am Dienstag unter Tränen die Antwort in die Fernsehmikrofone gesprochen: Idomeni ist näher an Deutschland, als jeder andere Ort, an den er jetzt gebracht werden wird. Und so hat die Räumung des Lagers für viele Menschen, die dort ausgeharrt haben, etwas endgültiges. Sie markiert das Ende einer Hoffnung.

Idomeni steht mehr als jeder andere Ort in Europa für die Wende in der europäischen Flüchtlingspolitik. Als Anfang September 2015 die Bilder von in Budapest gestrandeten Flüchtlingen um die Welt gingen, öffneten sich in Deutschland die Herzen und die Grenzen. Angela Merkel berief sich auf eine humanitäre Sondersituation und verlangte den Deutschen mit ihrer „Wir-schaffen-das“-Losung viel ab. Die Kanzlerin aber musste erkennen, dass die Aufnahmebereitschaft für Flüchtlinge auch in Deutschland begrenzt ist. Die Menschen, die im Frühjahr im Schlamm in Idomeni saßen, waren genauso in einer humanitären Sondersituation wie die Asylsuchenden in Budapest. Sie waren nur zu spät unterwegs. Auch Menschlichkeit hat eine Obergrenze.

Idomeni steht für das Scheitern der europäischen Flüchtlingspolitik und für eine Entschärfung des Problems zugleich. Zumindest aus der Sicht der nordeuropäischen Länder, die das bevorzugte Ziel der Asylsuchenden sind. Gescheitert ist eine humanitär geprägte gerechte Verteilung der Flüchtlinge in den einzelnen Staaten, dafür sind die Grenzen bis auf Weiteres geschlossen. Und es gibt Auffangsysteme für Flüchtlinge in Ländern wie Griechenland. Die Familien, die gestern in Idomeni in Busse gesetzt wurden, können darauf vertrauen, dass sie anständig untergebracht werden. Vor allem: Sie sind auch in Griechenland sicher vor Verfolgung und Krieg. Aber welche Zukunft haben sie?

Die Flüchtlinge aus Idomeni haben ihr persönliches Ziel nicht erreicht. Und sie haben wohl weder die Energie, noch das Geld, einen neuen Weg nach Norden zu suchen. Diejenigen aber, die nach ihnen kommen, nehmen längst andere Routen: Vor Italien sind 2600 Bootsflüchtlinge an einem Tag aufgegriffen worden. Das Lager Idomeni mag bald Geschichte sein. Das Flüchtlingsthema nicht.

Von Jörg Kallmeyer

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