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Die Lichter bleiben an

Analyse zu Volkswagen Die Lichter bleiben an

Im Weltkonzern VW fällt in diesen Tagen ein Lügengebilde zusammen - und zwischen Wolfsburg und Emden droht ein Herbst der Angst. Das Zauberwort wird deshalb Arbeit heißen. Eine Analyse von Hendrik Brandt.

Das hat noch gefehlt. Gerade hat Niedersachsen realisiert, dass die schiere Zahl von Flüchtlingen viel ändern wird in unserem Land. Viel mehr sogar, als manchem lieb ist. Mit wachsendem Tempo rutscht das Land in die Klemme zwischen Hilfsbereitschaft und Überforderung. Immerhin, so hieß es bisher, die Wirtschaft floriert, es ist genug Geld in den Kassen, um die Aufgaben anpacken zu können. Und dann kommt VW.

Im Weltkonzern aus Wolfsburg fällt in diesen Tagen ein Lügengebilde zusammen. Und mit ihm ein Teil der Reputation des Unternehmens, an dem in Summe Milliarden von Staatseinnahmen, Millionen von Arbeitsplätzen und ganze niedersächsische Regionen hängen. Was nun? Die VW-Welt hält den Atem an, Familien sorgen sich, Städte stoppen ihre Finanzplanungen. Mitten in der Flüchtlingskrise. Zwischen Wolfsburg und Emden droht ein Herbst der Angst.

Sie speist sich wie so oft nicht nur aus Fakten, sondern vor allem aus deren Bewertung. Sie entsteht aus dem Gefühl, dass hier gerade etwas entgleitet, sich jene Grundsicherheit auflöst, die das Leben für so lange Zeit bestimmt hat. Es geht uns gut, keine Frage - aber plötzlich steht die Frage nach dem „Wie lange noch?“ konkret im Raum. Gehen bald die Lichter aus?

Immerhin: Die deutsche Politik ist beim Flüchtlingsthema in dieser Woche ein kleines Stück vorangekommen. Neue Geldströme, neue Regelungen und auch neue Namen von Verantwortlichen geben Anlass zur Hoffnung auf ein sinnvolles und menschenwürdiges Management der ungeplanten Zuwanderung. In Europa und darüber hinaus gelingen allerdings immer noch nur Trippelschritte; sie werden nicht rechtzeitig zum Ziel führen.

Dass Niedersachsen wegen der VW-Betrügerei nun jedoch zugleich dauerhaft das Geld für Großaufgaben ausgeht, ist nicht sehr wahrscheinlich. Volkswagen hat einen irrwitzigen und wohl nur firmenpsychologisch zu erklärenden Fehler gemacht; ein bizarres Produkt einer seltsamen Männerwelt. Dafür müssen die Verantwortlichen wie das Unternehmen jede Strafe ertragen. Die Art und Weise jedoch, mit der dieser Betrug aktuell zelebriert und vor allem in den USA ausgeschlachtet wird, entspricht nicht seiner wirklichen Bedeutung. Hier - wie an der berufshysterischen Börse - tobt der Markt und nutzt alle Mittel. Anders als GM hat VW nicht Tote wegen bekanntermaßen defekter Zündschlösser zu erklären, anders als bei Toyota gab es nie den Vorwurf von Todesfällen durch klemmende Pedale. Und so wichtig die Aufklärung ist, so aufgeblasen wirkt der Bundesverkehrsminister aus Bayern, der nun täglich in Häppchen „enthüllt“, was ohnehin jeder weiß: VW-Motoren werden weltweit in vielen Marken des Konzerns eingebaut.

VW muss jetzt schnell lernen, was aus der Kriminalität im Haus zu lernen ist. Die ersten Schritte sind gemacht; vielleicht erleichtert der Skandal sogar den nötigen Wandel des Konzerns. Denn ohne neue, möglicherweise ganz andere Produkte wird er seine Kraft wirklich kaum erhalten können.

Arbeit steht also an. Arbeit wird das Zauberwort sein, mit dem sich die Angst vor dem Scheitern überwinden lässt. Bei VW - und weit darüber hinaus. Die Lichter bleiben an.

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