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Wie laut darf die Stadt sein?

Analyse zum Lärm in Hannover Wie laut darf die Stadt sein?

Nie ließ sich der Sommer in der Stadt so vielfältig draußen erleben wie heute. Hannover muss dabei auch seinen eigenen Großstadtlärm aushalten – aber keine Exzesse dulden, meint Hannah Suppa.

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Beim Maschseefest ist die Lärmdiskussion durch Auflagen und Kontrollen entschärft.

Quelle: Rainer Dröse

Hannover. Theodor Lessing hatte eine klare Meinung: Nichts sei für das „Nervensystem“ schädlicher als der „lärmende Trubel“ der Großstadt. All das Gehupe, Gerumpele, Gequietsche, Gestöhne und Geächze „knalle“ große und schöne Gedanken „aus der Welt“. 1908 gründete der hannoversche Philosoph deshalb einen Anti-Lärm-Verein, schrieb eine „Kampfschrift gegen die Geräusche unseres Lebens“ – und heute muss man sagen: Er hat den Kampf verloren. Welch ein Glück für die Stadt!

Hannovers Straßen und Plätze pulsieren. Und alle miteinander sind wir – sobald es das Wetter zulässt – ständig draußen: beim Cocktail auf der Terrasse der Kneipe, bei Straßenfesten, spontanen Dinnertafeln mitten in der Stadt, Open-Air-Konzerten im Stadion und auf dem Expo-Gelände, auf den Bänken in den Quartieren, die zum Verweilen einladen – oder von nächster Woche an wieder auf dem Maschseefest. Selten zuvor hatten die Hannoveraner mehr Möglichkeiten, ihre Freizeit angenehm draußen zu verbringen. Mitten in der Stadt. Ein Sommer draußen, gesellig, lebendig – so, wie wir es aus dem Urlaub im Süden kennen. Wenn wir aus Rom, Lissabon oder Barcelona mit dieser Sehnsucht zurückkehren: Warum kann es hier nicht auch so sein?

Wenn dann Anwohner den Finger heben und auf die Nachtruhe hinweisen, wird die Debatte gerne mit einem süffisanten „provinziell“ abgetan. Der Stadtmensch müsse die Geräusche der City aushalten, denn die Vorzüge des Lebens im Trubel genieße er ja auch. Ist das so?

Lessing dachte bei seiner Anti-Lärm-Kampagne einst eher an Pferdekutschen und Motoromnibusse – weniger an feiernde junge Frauen mit Gratis-Prosecco, wie sie derzeit in Linden schon mal auffallen. Der Donnerstagabend am Lindener Marktplatz vor der Kneipe Centrum hat längst wenig mit geselligem Beisammensein unter freiem Himmel zu tun – das ist Ballermann-Atmosphäre. Und die suchen viele Jugendliche hier auch. Der Nachtwächter-Brunnen schäumt zuweilen, weil Becher darin ausgekippt wurden, die Betrunkenen grölen. Manchmal scheint es, als ob die Attraktivität des Stadtteils die Anwohner, die meist Jahrzehnte dort wohnen, regelrecht übertönt.

Gibt es ein Recht auf Stille?

Gibt es ein Recht auf Stille? Zumindest eines auf Nachtruhe – und das ist eindeutig im Bundesimmissionsschutzgesetz geregelt. Nach 22 Uhr soll und muss kein Anwohner einen außergewöhnlichen Geräuschpegel dulden; die Regionsbehörde kontrolliert punktuell. Und doch murren Gäste und Wirte jeden lauen Sommerabend wieder über den Zwangsschluss auf der Terrasse: Ein kleines bisschen noch? Manch ein Wirt handhabt das schon so. Wenn das Publikum entsprechend ruhig und zivilisiert ist, scheint das auch niemanden zu stören. Denn auch der gesetzlich geregelte Terrassenschluss verbannt den „Menschenlärm“ ja nicht – auch ohne „Prosecco“-Donnerstag treffen sich die Leute gerne auf dem Markt oder auf anderen Plätzen in den Quartieren. Weil es zum Stadtleben dazugehört. Und auch die zugezogenen „Hipster“, meist besserverdienend, suchen in der List, Linden oder der Oststadt im Übrigen kein Remmidemmi – sondern eher einen Krippenplatz und eine nette Nachbarschaft.

Doch das Leben miteinander in einer Stadt bedeutet eben auch, Rücksicht zu nehmen. Sowohl in die eine, als auch in die andere Richtung. Dann braucht es auch kein rigoroses Einschreiten der Behörden. Eine Mediation soll jetzt für Wirt und Anwohner am Marktplatz in Linden eine Lösung bringen. Dabei will übrigens niemand das Leben von den Plätzen verbannen. Auch die Anwohner am Lindener Markt sagen: Geselligkeit ja – doch bitte keine Exzesse.  

Die Lärm-Debatte ist für Hannover ein Wiedergänger: Sie wird zum Maschseefest geführt, beim Feuerwerkswettbewerb oder wenn AC/DC von der Messe bis nach Hämelerwald schallt. Doch die Auseinandersetzung ist leiser geworden – weil für viele die Annehmlichkeiten des Großstadttrubels überwiegen und gleichzeitig gute Kompromisse gefunden wurden. Die Lärmdiskussion zum Maschseefest ist durch Auflagen und Kontrollen entschärft, die Feuerwerke beim Kleinen Fest sind im Vergleich zu früher eingeschränkt, auf der Limmerstraße gibt es unter den Feiernden zuweilen Verständnis für die Anwohner. Man hat sich arrangiert. Ein guter Kompromiss zwischen dem „Barcelona“-Gefühl und der „Hannover“-Realität.

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Von Redakteur Hannah Suppa