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Meinung Die Harz-Reform
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00:15 12.07.2013
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Eine moderne Sommerrodelbahn lockt an den Bocksberg. Mountainbiker finden reizvolle Strecken mit durchaus anspruchsvollen Höhenunterschieden. Wanderer schätzen den mittlerweile schon zehn Jahre alten Hexenstieg, der von Osterode über den Brocken nach Thale und zu allen wichtigen Ausflugszielen des Mittelgebirges führt.

Doch in diesen Anstrengungen liegt auch etwas Verzweifeltes. Es wird zwar viel Geld in die Wiederbelebung des Harz-Tourismus investiert, aber ob die Rechnung am Ende aufgeht, ist keineswegs sicher. Im Harz ist in den vergangenen 20 Jahren eine Menge schiefgelaufen. Die Folgen sind in nahezu allen Harz-Orten zu besichtigen. Hotels und Restaurants wurden vernachlässigt, einige für immer geschlossen. Ferienwohnungen wurden verramscht, nicht wenige dem Verfall preisgegeben.

Statt rivalisierender Kirchturmpolitik ...

Jahrzehntelang haben die Menschen im Harz über die deutsche Teilung geklagt: Mauer und Stacheldraht schnitten der ohnehin entlegenen Region auch noch das Hinterland ab. Der Abbau des Eisernen Vorhangs jedoch brachte einen Boom nur für den Osten: Plötzlich war der Brocken wieder ein Muss für jeden Wanderer, schmucke Städtchen wie Wernigerode und Quedlinburg waren jetzt wieder für alle Deutschen erreichbar.

Der Westharz dagegen geriet rasch auf die Verliererseite. Wer bis 1990 regelmäßig aus West-Berlin in den Urlaub nach Hahnenklee oder St. Andreasberg gefahren war, traf plötzlich auf bessere und preisgünstigere Angebote in Gernrode oder Ilsenburg. Das schlug sich im Westen in den Bilanzen nieder, einigen Gastronomen brach es das Genick.

Nicht nur das Ausbleiben der Gäste traf den Westharz, auch der ebenso rasche wie konsequente Abbau der Zonenrandförderung wirkte sich dramatisch aus. Plötzlich fehlte das Geld für kommunale und betriebliche Investitionen. Dringend notwendige Sanierungen wurden vertagt, der Charme vieler Orte verfiel.

Heute arbeitet der Harz an einer Trendwende: Gesucht wird ein neues Image, eine neue Anmutung. Erneuert werden muss aber auch vieles im organisatorischen Bereich. Viele Orte im Harz liefern sich nach wie vor einen beinharten Wettbewerb. Der touristische und damit wirtschaftliche Erfolg der eigenen Stadt ist vielen Kommunalpolitikern sehr viel wichtiger als der Aufschwung des Harzes als Ganzes. Warum gibt es keine Touristinformation, die wirklich alle Ziele und Quartiere im Blick hat und kompetente Auskünfte aus einer Hand liefert? Die Verantwortlichen im Harz sollten das Kirchturmsdenken so schnell wie möglich ad acta legen. Es schadet dem Harz und verärgert potenzielle Gäste.
Zu einer Harz-Reform, die die Region nach vorn bringt, muss die Überwindung der Partikularinteressen gehören. Nur wenn das endlich gelingt, wird man die Chancen auf dem bundesdeutschen Markt voll ausschöpfen können.

... braucht der Harz ein Gesamtkonzept

Bei der Zukunftsplanung sollten die Harzer auch darüber nachdenken, warum die Prädikate „Unesco-Welterbestätten“ in Deutschlands nördlichstem Mittelgebirge nur sehr bescheidene Wirkung entfalten. Nur der Harz kann mit dieser Auszeichnung gleich dreimal aufwarten. Der Rammelsberg mit seinem Bergbaumuseum und die Altstadt von Goslar sowie die Oberharzer Wasserwirtschaft tragen die Unesco-Plakette. Aber wird mit diesen Pfunden auch gewuchert?

Nicht nur Neid und Streit um staatliche Zuwendungen erschweren dem Harz den Weg in eine bessere Zukunft. Die demografische Entwicklung setzt leider jeder allzu hoch fliegenden Aufschwungfantasie enge Grenzen. Der Bevölkerungsrückgang im Harz ist extrem, die Alterspyramide wird immer bedrohlicher. In Braunlage sind mittlerweile 40 Prozent aller Einwohner älter als 60 Jahre. Daran kann man mindestens zweierlei ablesen: Die Stadt ist nicht nur für Feriengäste unattraktiver geworden, sie hat es auch     versäumt, junge Leute zu halten oder junge Familien dauerhaft anzulocken. Dieses Manko wird sich mit dem neuen Skiparadies allein nicht beseitigen lassen. Der Harz insgesamt braucht ein Konzept zur Überwindung seiner Strukturschwäche. Es sollte aus einem Guss sein und breite Unterstützung erfahren. Der Lebensraum Harz hätte es verdient.

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