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Deutschland im Draghi-Frühling

Analyse zur deutschen Wirtschaft Deutschland im Draghi-Frühling

Die deutsche Wirtschaft ist überraschend stark gewachsen. Denn sie profitiert massiv von der EZB-Geldpolitik: Die Menschen geben ihr Geld aus, weil Sparen kaum noch Zinsen bringt. Das aber ist kein besonders verlässlicher Antrieb für die Konjunktur. Eine Analyse von Stefan Winter.

Hannover. Es ist ein ungewohntes Bild für die deutsche Wirtschaft. Dem Land, das sich (bis China kam) so viel auf den Titel „Exportweltmeister“ einbildete, geht es gut, obwohl der Export vergleichsweise müde vor sich hin plätschert. Dafür wird im Inland aber mehr Geld ausgegeben: Mit kräftiger Binnennachfrage erklärten die Experten das überraschend starke Wirtschaftswachstum im ersten Quartal.

Viele Konsumenten können mehr ausgeben, weil die Arbeitslosigkeit vergleichsweise gering ist, Energie billiger wurde und Preise insgesamt kaum steigen. So bleibt mehr von der Lohnerhöhung übrig. Abschlüsse wie der gerade vereinbarte Metalltarif sind für die Unternehmen tragbar und bringen den Beschäftigten dank Nullinflation trotzdem spürbar mehr Geld in die Tasche. Der Staat wiederum muss mehr ausgeben, um die Flüchtlinge zu versorgen - was sich in der Statistik als öffentlicher Konsum niederschlägt.

Das Ergebnis ist ein Konjunkturfrühling, mit dem so nicht gerechnet wurde. Nebenbei nimmt er vielen internationalen Kritikern den Wind aus den Segeln. Sie fordern schon lange, dass sich Deutschland nicht immer nur auf die Nachfrage aus aller Welt verlassen dürfe, sondern mehr selbst dafür tun müsse - ganz in ihrem Sinne wachsen die Importe jetzt schneller als die Exporte.

Maßgeblichen Anteil an diesem seltsam schönen Frühling hat allerdings ein Mann, von dem die Deutschen sonst eher wenig halten: Mario Draghi. Der Chef der Europäischen Zentralbank ist hierzulande als Vater des Nullzinses, Totengräber der Altersvorsorge und Büttel der Finanzmärkte verschrien. Nicht, dass es dafür keinen Anlass gäbe - aber der Mann hat auch Gründe für sein Mantra einer lockeren Geldpolitik. Ihre Wirkung kann man am Wirtschaftswachstum ablesen: Die Menschen geben ihr Geld aus, weil Sparen kaum noch Zinsen bringt. Der Bau boomt - dank milder Witterung diesmal ohne winterliche Unterbrechung -, weil Hypotheken derzeit besonders billig sind. Der Staat hat mehr Geld zur Verfügung, weil Schulden ihn kaum noch etwas kosten. So kann eine Wirtschaft auch dann einigermaßen florieren, wenn auf den einstigen ausländischen Wachstumsmärkten ihrer Exportfirmen nichts los ist.

So profitiert auch die deutsche Wirtschaft kurzfristig massiv von der EZB-Geldpolitik, die gleichzeitig wegen ihrer langfristigen Risiken völlig zu Recht kritisiert wird. Der Nullzins, der jetzt Geld in den Konsum lenkt, ist der gleiche, der später Löcher in die Altersvorsorge reißt und die Menschen verunsichert.

Das ist kein besonders verlässlicher Antrieb für die Konjunktur. Das Ziel muss es bleiben, in Europa einen stabilen Aufschwung in Gang zu setzen, der nicht von Nullzinsen lebt, sondern sie überflüssig macht. Solange das nicht erkennbar ist, bleibt der konjunkturelle Frühling so anfällig wie der meteorologische.

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