Volltextsuche über das Angebot:

7 ° / 4 ° Regen

Navigation:
Alles wie immer bei Volkswagen?

Analyse Alles wie immer bei Volkswagen?

Eigentlich ist alles wie immer bei VW. Trotzdem fremdelt Chef jetzt mit seinem Unternehmen. „Das Volkswagen, das uns in diesen Tagen in den Medien begegnet, ist nicht das Unternehmen, das ich kenne und das mir am Herzen liegt“, hat Matthias Müller gerade seinen Mitarbeitern geschrieben. Was ist das los? Eine Analyse von Stefan Winter.

Voriger Artikel
Tunesiens verlorene Söhne
Nächster Artikel
Abhören – in aller Freundschaft
Quelle: dpa (Symbolbild)

Hannover. Der Chef fremdelt mit seinem Unternehmen. „Das Volkswagen, das uns in diesen Tagen in den Medien begegnet, ist nicht das Unternehmen, das ich kenne und das mir am Herzen liegt“, hat Matthias Müller gerade seinen Mitarbeitern geschrieben. Das erstaunt, denn dem Rest der Welt ist dieses Unternehmen oft so begegnet - nicht nur in den Medien. Eigentlich ist alles wie immer. In der Zentrale beschäftigen ein paar Schlüsselfiguren den gesamten Konzern mit ihren Zwistigkeiten, als ende die Welt vor ihren Bürotüren. Was dort los ist, zeigt gerade General Motors. Die Amerikaner liebäugeln nun doch mit dem Opel-Verkauf. Nebenbei hat Tesla den höchsten Börsenwert seiner Geschichte erreicht, und jeder IT-Konzern dieser Welt versucht, das Geld der Autofahrer in seine Kasse zu lenken.

Doch bei VW streiten sich Management und Betriebsrat um einzelne Punkte in einem dicken Papierberg namens „Zukunftspakt“. Über dessen lebenserhaltende Bedeutung sind sich beide Seiten einig, aber nicht darüber, was genau drinsteht. Man ist uneins über den Bedarf für einige Hundert Leiharbeiter, verbunden mit der „dritten Schicht auf Montagelinie 2“. Der Betriebsrat beklagt neue Kriterien in der Leistungsbeurteilung und manches mehr, was in vielen Betrieben ebenso beklagt wird. Aber nur bei VW wird das als Krise inszeniert - mit Gesprächsabbruch, Ultimatum und abgesagtem Krisengipfel. Und natürlich mit viel Theaterdonner beider Seiten, den konsequenterweise auch beide beklagen.

Es ist ein Machtkampf, in dem die Streitfragen nur noch Symbole sind. Markenchef Herbert Diess wurde geholt, um den Konzern grundlegend zu verändern. Sonst wird VW an der dreifachen Herausforderung von Diesel-Skandal, Umbruch der Autowelt und chronischer Renditeschwäche scheitern. Betriebsratschef Bernd Osterloh wurde gewählt, um die Veränderung in Grenzen zu halten, sonst steigen ihm die Kollegen aufs Dach. Jetzt kämpfen sie, wessen Stempel der Pakt trägt.

Osterloh ist derjenige, der Gewinner und Verlierer sehen will. Er hält den einstigen BMW-Manager für den Büttel kurzsichtiger Finanzmärkte - obwohl Diess die langfristigen Herausforderungen sicher früher und klarer gesehen hat als sein Kontrahent. Solche Kämpfe hat Osterloh selten verloren, aber in diesem Fall wäre sein Sieg ein fatales Signal. Denn das Unternehmen muss sich schneller und grundlegender als je zuvor in seiner Geschichte wandeln. Und Diess ist der Treiber dieses Wandels. Viel Rückhalt scheint er nicht zu haben. Konzernchef Müller jedenfalls stellt sich nicht hinter ihn, sondern verspricht der Belegschaft nur, „alles (zu) tun, damit Konflikte konstruktiv gelöst werden“.

Es klingt, als würde er die Blauhelme rufen.

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Meinung