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Wer, bitte, macht die Gesetze?

Angriff auf Bölleropfer Wer, bitte, macht die Gesetze?

In Hannover bedrohen Schläger einen 96-Fan, der vor Wochen von einem Böller verletzt worden war. Der Vorfall zeigt, wie eine kleine Gruppe von Hooligans ihre eigenen Regeln macht – und dass dagegen nichts anderes hilft, als die Gesetze des Staates anzuwenden, meint unser Redakteur Felix Harbart.

Wer sich zuletzt in den achtziger Jahren in ein Fußball-Bundesligastadion verirrt hat und heute wieder einmal hingeht, wird die Veranstaltung kaum wiedererkennen. Zwar spielen unten nach wie vor 22 Herren mit einem Ball. Drum herum aber gibt es nun Langnese-Familienblöcke, Plastikbezahlkarten fürs Bier und eine lang gestreckte VIP-Tribüne, auf der Damen in hochhackigen Schuhen und Herren im Karohemd Häppchen essen und Visitenkarten tauschen. Kommerzialisierung nennen Kritiker das. Immerhin: Für die authentische Atmosphäre zum Event sorgen in Hannover wie früher die Fans auf den Stehplätzen der Nordkurve.

Ein sehr kleiner Teil dieser Fans bestimmt, in Hannover wie anderswo, seit Monaten die Negativschlagzeilen der Bundesliga. Chaoten brennen im Stadion Pyrotechnik ab, zünden Rauchbomben und verwandeln bei Derbys wie dem zwischen Hannover und Braunschweig die Innenstädte und die Plätze rund ums Stadion in regelrechte Kampfzonen.

Der Konflikt, der sich zwischen dem Umfeld der sogenannten Ultras und den Vereinen abspielt, hat seine Ursache auch in den veränderten Rahmenbedingungen des Fußballs. Die Ultras, auch die friedlichen, sehen sich heute als Wächter über die traditionelle Stadionkultur. Als jene, die schon da waren, bevor Adidas, Pay-TV und Uli Hoeneß herausfanden, wie man aus der guten, alten Bundesliga ein Geschäft machen kann. Und die mit ihren Fahnen und Gesängen jene Stimmung erzeugen, die andere ins Stadion lockt. Daraus ergibt sich für manche im eigenen Selbstverständnis nicht mehr nur eine passive Rolle als Zuschauer, sondern eine beinahe aktive als Teil des Events. Daraus haben sich vielerorts besondere Privilegien und Sonderregeln für die Ultras herausgebildet.

Jetzt aber stellt sich heraus, dass sich ein Teil dieser Fangruppen für derart bedeutend hält, dass er die Spielregeln im Stadion selbst definieren will – verbrämt als Kampf gegen den Kommerz. Regeln, die 3000 Grad heiße Pyrotechnik für vertretbar und die Massenschlägerei mit Fans des Derbygegners zur Ehrensache erklären. Schwachsinnige Regeln.

In Hannover hat dieser Schwachsinn jetzt eine neue, perfide Dimension erreicht – eine, die die eigenen, martialischen Gesetze auch außerhalb des Stadions durchsetzen will. In einem Park in Empelde hat ein halbes Dutzend Vermummter einen 96-Anhänger verprügelt, der vor Wochen beim Auswärtsspiel in Wolfsburg von einem neben ihm explodierenden Böller schwer verletzt worden war, einen Tag später versuchten sie, in seine Wohnung einzubrechen. Der Mann, der infolge der Detonation nie wieder richtig wird hören können, erstattete Strafanzeige gegen einen der mutmaßlichen Täter. Jetzt haben ihm die Schläger von Empelde gedroht: Ziehe er die Anzeige nicht zurück, werde es ihm und seiner Freundin schlecht ergehen. Dass die Polizei so oder so ermitteln muss  – so weit ging ihr Durchblick nicht.

In Zeiten solcher Vorfälle müssen sich die echten Fußballfans zunehmend anhören, sie müssten die Übeltäter ausgrenzen und sich wehren. Das ist gut und schön, doch es wird nicht reichen. Denn spätestens das Verbrechen von Empelde zeigt: Jene schwarz vermummten Schläger scheren sich nicht darum, was die echten Fans in der Kurve oder auf der Westtribüne sagen. Oder die Vereine. Oder die Medien. Sie machen ihre eigenen Regeln, im Stadion und auf der Straße. Helfen wird nur das, was Hannover 96 und die Polizei zuletzt getan haben: Täter identifizieren, sie juristisch zur Rechenschaft ziehen und sie nicht ins Stadion lassen.

Wenn das konsequent geschieht, fällt vielleicht wieder auf, warum Soziologen die Fanszene als vielleicht wichtigste Jugendbewegung unserer Zeit bezeichnen. Fangruppen, auch Ultras, engagieren sich überall in Deutschland auf oft sehr kluge Weise. Wo sie gegen fehlgeleitete Hooligantruppen alleinegelassen werden, droht diese Bewegung zu sterben. Etwa in Aachen bei der auch sportlich siechen Alemannia. Dort hat eine Gruppe aus Neonazis die wahren Fans mittlerweile aus dem Stadion vertrieben. In Dortmund oder Braunschweig kämpfen die Aufrechten mit ähnlichen Tendenzen.

Das ist der Kampf, der auf die wirklichen Fußballfans zukommt: der für ihre friedliche Bewegung und gegen die Idioten. Und der um das Spiel, das schönste der Welt.

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