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Bahnbrücke über den großen Graben

Analyse zum Tarifstreik bei der Bahn Bahnbrücke über den großen Graben

Die kleine Spartengewerkschaft GDL hat ums Überleben gekämpft – und sie hat gewonnen. Das heißt auch: Das Tarifgeschäft bei der Bahn wird schwierig bleiben. Eine Analyse von Stefan Winter.

Wenn sich Tarifparteien ein Jahr lang beharkt haben, ist dem Publikum schon fast egal, was herauskommt. Die Züge fahren zur Ferienzeit, das war gestern die wichtigste Nachricht von der Tariffront der Deutschen Bahn. Wenn sie jetzt noch die Klimaanlagen auch bei Hitze zum Laufen bringen, kann der Gast sein Glück kaum fassen.

Claus Weselsky freut sich naturgemäß an anderen Erfolgen. Wer sich die Mitteilung der GDL zur Tarifeinigung durchliest, erfährt scheinbar nichts vom eigentlichen Durchbruch der Gewerkschaft. Um Schichtzeiten der Bordgastronomen geht es da, um die Einstufung der Lokrangierführer und die Einstellung von 100 zusätzlichen Zugbegleitern. Die ausgehandelten Lohnerhöhungen kommen ganz hinten – sie sind identisch mit denen, die vor einigen Wochen die Konkurrenzgewerkschaft EVG erreicht hat. Schon in der Reihenfolge steckt eine Botschaft: Die GDL hat einige Kleinigkeiten herausgeholt, bei denen die ungeliebte EVG nur verspätet nachziehen kann.

Noch wichtiger: Die Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer verhandelt auch für die anderen Berufsgruppen. Und am wichtigsten: Das Tarifeinheitsgesetz, das kleinen Gewerkschaften das Leben sehr viel schwerer machen kann, wird bei der Bahn bis 2020 nicht angewendet. Diese mindestens ungewöhnliche Vereinbarung zeigt den Druck, der letztlich zu 420 Stunden Arbeitskampf führte: Die kleine Spartengewerkschaft GDL hat hier schlicht ums Überleben gekämpft – und sie hat gewonnen.

Die Leistung der beiden Schlichter Matthias Platzeck und Bodo Ramelow bestand diesmal nicht darin, Prozente so hinzurechnen, dass sie jeder Kontrahent seiner Klientel verkaufen kann. Sie dürften allein schon einige Zeit damit verbracht haben, menschliche Brücken zwischen Weselsky und Bahn-Vorstand Ulrich Weber zu bauen. Und sie mussten beiden ihre Grenzen zeigen: Die Bahn-Spitze hat sich damit abfinden müssen, dass sie die GDL nicht aus der Welt schaffen kann. Und Weselsky musste lernen, dass er mit maximalem Krawall zwar den Existenzkampf gewinnt, für seine Mitglieder auf dem Papier aber auch nicht viel mehr herausholt als die EVG. Das den Kontrahenten klargemacht zu haben ist kein kleiner Erfolg für Ramelow und Platzeck. Er ist auch dem Schwebezustand beim Tarifeinheitsgesetz zu verdanken: Der Bundespräsident hat noch nicht unterschrieben, ein Verfahren vor dem Verfassungsgericht ist absehbar – weder Weber noch Weselsky können sich bisher als Gewinner dieses Verfahrens fühlen. Sie tun gut daran, sich die Basis für ein Miteinander zu erhalten.

So ist es am Ende gelungen, einen ebenso breiten wie tiefen Graben mit einem Kompromiss zu überbrücken. Das bedeutet allerdings auch: Der Graben bleibt. Bei der Bahn werden künftig verschiedene Gewerkschaften für die gleichen Berufsgruppen verhandeln, und genau das wollte der Konzern mit guten Gründen verhindern. Damit bleibt auch die Versuchung vor allem für die kleinere GDL, mit einer überharten Linie ihre Existenzberechtigung nachzuweisen. Das Tarifgeschäft bei der Bahn wird schwierig bleiben, man wird noch öfter Vermittler brauchen. Zum Glück kommen Ramelow und Platzeck ja gerade erst ins beste Schlichter-Alter.

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