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22:38 16.03.2010

Am Dienstag hat der niedersächsische Landtag diese Entscheidung getroffen, mit einer beeindruckend großen Mehrheit, die jedoch nichts daran ändert, dass sie falschen Zielen dient. Mehr noch: Sie ist im Bewusstsein getroffen worden, dass sie sehr wahrscheinlich das Niedersächsische Denkmalschutzgesetz bricht. Und in der Erwartung, dass formal kein Kläger gegen diese Kaltschnäuzigkeit aufbegehren kann, um den Neubaubeschluss vor einem Gericht zu Fall zu bringen. Der Landtag hat in eigener Sache gegen das Wohl des Landes entschieden, und er hat sich erwartungsgemäß für den Mut gefeiert, so zu entscheiden.

Eigennutz hat Vorrang

Doch Mut ist der falsche Begriff, wenn es nur darum geht, Geld auszugeben, das einem nicht gehört. Mut gehört dazu, den Bürgern dieses Landes in den folgenden Wochen und Monaten gegenüberzutreten und ihnen zu erklären, warum es so viel wichtiger ist, einen neuen Plenarsaal zu bauen, als Lehrer, Polizisten oder Wissenschaftler einzustellen. Und noch mehr Mut wird erforderlich sein, den Menschen zu erklären, warum das Land richtig hart sparen muss und nicht dort investieren kann, wo es notwendig wäre, zum Beispiel in Programmen für Schulen, Krankenhäuser, Hochschulen.

Der Landtag pocht auf sein eigenes Recht, er besitzt die Hoheit, den Landesetat zu beschließen, und er hat sich über die Partei- und Fraktionsgrenzen hinweg darauf verständigt, was in den Jahren bis 2013 Priorität haben soll: die Konsolidierung eines überspannten Etats? Es hieße Eulen nach Athen tragen, wollte man den Finanzminister dieses Landes oder die Haushaltspolitiker der Fraktionen an ihre vordringlichen Aufgaben erinnern. Aber vielleicht ist Hannover ja inzwischen ein Vorort von Athen, wie ließe sich sonst diese dionysische Sorglosigkeit beim Geldausgeben erklären?

Das Landesparlament hat mit dem Beschluss für den Neubau des Plenarsaals ein Zeichen gesetzt. Priorität hat eine Investition in Glas und Stein, in einen Bau, der überwiegend Repräsentationszwecken dient, dessen sachliche Angemessenheit zweifelhaft und dessen umbauter Raum viel zu groß ist, um mit den Ansprüchen eines von 155 auf 135 Abgeordnete geschrumpften Parlaments begründet zu werden. Der Landtag baut sich eigene Größe, in der Hoffnung, seinen politischen Bedeutungsverlust zu kaschieren. Und um zu demonstrieren, dass er entgegen dieser Entwicklung auch reale Macht besitzt. Sollte es so etwas geben wie ein einigendes Band zwischen den Abgeordneten, dann ist der wahre Grund für die Freude am Abriss des Oesterlen-Ensembles hier zu fassen: im Wunsch, sich einmal gegen alle Widerstände durchzusetzen. Es ist ein mageres Motiv, ein bisschen kindisch und irgendwie der Würde des Hohen Hauses nicht angemessen.

Verlorene Werte

Der Neubau wird das Anspruchsdenken seiner Auftraggeber verkörpern. Und er wird zu einem Symbol der Sprunghaftigkeit und Gegenläufigkeit der Zeit, in der wir leben. Alles ist möglich, aber alles nur auf Pump. Das neue Haus ist das falsche Signal in einer Zeit, in der man sich versichern sollte, was wirklich Wert besitzt, was es zu erhalten gilt an materiellen wie an geistigen Werten. Auch dieser Erhalt müsste bezahlt werden, aber nicht mit einem Verlust an Glaubwürdigkeit, den sich der Landtag gestern ohne Not selbst zugefügt hat.

Hannover wird nicht untergehen, wenn die Abrissbirne die Granitplatten des Oesterlen-Baus zertrümmert, und das Land wird nicht Schaden nehmen, wenn das Niedersachsenpferd im Plenarsaal zu Staub zerfällt. Trotzdem hat der Vorgang etwas Verstörendes. Es waren die Bomben der Alliierten, die dem alten Hannover sein Gesicht geraubt haben, die die Residenz- und Fachwerkstadt im Flammensturm untergehen ließen. Das neue Hannover hat sich eine andere Identität erarbeitet, und viele jetzt ältere Hannoveraner spüren noch die Freude, mit der die Fertigstellung jedes neu entstandenen Hauses in den fünfziger und sechziger Jahren begrüßt wurde. Welches werden die baugeschichtlichen Denkmäler sein, mit denen wir diese Neugründung unserer Stadt später belegen werden? Wenn selbst Oesterlens Werk ausradiert werden darf, wird davon wenig erhalten bleiben. Geschichtslosigkeit führt zu Gesichtslosigkeit. Es ist beschämend, dass Hannover diese Lektion immer noch nicht gelernt hat.

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