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Braucht die SPD einen neuen Topmanager?

Kommentar zu Gabriel-Gerüchten Braucht die SPD einen neuen Topmanager?

In der SPD brodelt die Gerüchteküche - und wieder einmal geht es um Parteichef Sigmar Gabriel und einen möglichen Rücktritt. Verrat liegt in der Luft. Dabei stellt sich vielmehr die Frage: Wohin soll es gehen bei den Sozialdemokraten, thematisch und personell?  Eine Analyse von Matthias Koch.

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SPD-Chef Sigmar Gabriel.

Quelle: dpa

Hannover. Die SPD müsse „dahin, wo es brodelt, manchmal riecht und gelegentlich stinkt“. So hatte es Parteichef Sigmar Gabriel einst in einer umjubelten Parteitagsrede formuliert. Die Annäherung an das Leben war gemeint, an den Alltag der Normalbürger. Doch das einzige, was heute brodelt bei Deutschlands Sozialdemokraten, ist die Gerüchteküche: Tritt Sigmar Gabriel zurück? Kann er nicht mehr? Will er nicht mehr? Und wer kommt dann? Scholz, Schulz, Schwesig?

Zum Brodeln addiert sich ein unschöne Geruch, Verrat liegt in der Luft. Manche, die nach außen hin noch Loyalität zum Vorsitzenden betonen, skizzieren hinterrücks schon den Bühnenaufbau für ein komplett neues Spiel. Man ahnt: So wird das nichts, so geht es schon stilistisch nicht. Mehr noch: Es ist jämmerlich und unwürdig, wenn manche jetzt die Viruserkrankung des Parteichefs auf Stress zurückführen, den Stress wiederum auf schlechte Umfragedaten und die Umfragedaten auf den Vorsitzenden.

Die SPD braucht, klarer Fall, eine aufgeräumte, offene Debatte über ihre Zukunft. Wohin soll es gehen, thematisch und personell? Natürlich gibt es Gründe, den Vorsitzenden in Frage zu stellen. Jeder abstiegsbedrohte Fußballverein, Gabriel selbst hat es jüngst gesagt, diskutiert auch über den Trainer.

Land und Leute sind es aber leid, in den Parteien nur Machtspiele zu erleben, bei denen eine Person sich an die Stelle der anderen schiebt, ohne dass damit inhaltlich etwas Neues oder gar Verheißungsvolles verknüpft wäre.

Braucht die SPD einen neuen Topmanager? Einen, der aalglatt aufzutreten vermag, immer den passenden Text parat hat, alle Ecken und Kanten rechtzeitig wegrasiert? Dann wäre Olaf Scholz der richtige Vorsitzende. Und dann wäre es auch dumm gewesen, ihn nicht schon längst gewählt zu haben.

Tatsächlich aber spüren doch viele: Es ist alles viel komplizierter. Die Partei braucht neue Wärme und neue Zielbestimmungen. Die SPD war immer dann stark, wenn sie stark auf das Thema Gerechtigkeit setzte. Die Sache bleibt aktuell: Wird das Aufstiegsversprechen noch eingehalten gegenüber jenen, die hart arbeiten und sich an die Regeln halten? Was bewirkt ein Skandal wie der um die „Panama Papers“? Wählern und Mitgliedern der SPD kommt an solchen Stellen schon die jetzige Parteiführung oft zu elitär und zu kühl vor. Viele meinen, auch der - durchaus temperamentvolle - jetzige Vorsitzende empöre sich noch zu wenig über die Ungerechtigkeiten in diesem Land und in dieser Welt. Wenn dies aber so ist, sollte die SPD sorgsam prüfen, ob sie auf die argumentative, auch polemische Kraft eines Naturtalents wie Gabriel wirklich verzichten kann. Gerhard Schröder warnte seine Partei einst davor, es ging um Kurt Beck, nicht zu viele Vorsitzende zu verschleißen. Wörtlich fügte er hinzu: „Also schießt nicht auf den Klavierspieler - es könnte sein, es gibt sonst keinen mehr.“ Schröders Warnung bleibt aktuell.

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