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Meinung Conrad von Meding über Hannovers Umgang mit der Geschichte
Nachrichten Meinung Conrad von Meding über Hannovers Umgang mit der Geschichte
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00:15 26.11.2012
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Hannover

Unter Archäologen gibt es eine schöne Metapher. Ähnlich wie ein Buch, sagen sie, trägt der Boden unter unseren Füßen die Geschichte des Ortes in sich. Scherben, Bruchsteine, Verfärbungen, manchmal auch Knochen und andere Artefakte legen Zeugnis ab von dem, was in den vergangenen Jahrhunderten gewesen ist. Wer in diesen Boden eingreift, weil er zum Beispiel Fundamente baut oder Rohre verlegt, der reißt gewissermaßen eine Seite heraus aus diesem Buch. Wer aber solches tut, sagen die Archäologen, der sollte den Inhalt dieser Seite wenigstens für die nachfolgenden Generationen abgeschrieben haben.

Auf dem Gelände des alten Nikolaifriedhofs ist in den vergangenen Tagen nicht so behutsam mit der Geschichte der Stadt umgegangen worden. Auch wenn es jetzt in Nuancen unterschiedliche Zeugenaussagen darüber gibt, wer wo warum mit einer Baggerschaufel möglicherweise in jahrhundertealte Gruften gerammt ist und wie genau die Geschichte der Knochen, die anschließend tagelang herumlagen, schon einmal dokumentiert worden ist: Dem Gesetz entsprach dieses Vorgehen ganz eindeutig nicht.

Denn das schreibt inzwischen ausdrücklich vor, dass bei Bodenarbeiten in historisch vorbelasteten Gebieten immer - und auch wirklich immer - archäologische Expertise einzuholen ist. Viele Städte in Niedersachsen gehen den intelligenten Weg und stellen dafür einen Stadtarchäologen ein. Wer sich, wie Hannover, dieses Geld spart, der muss laut Gesetz eben jedes Mal ein Fachbüro beauftragen.

Am Nikolaifriedhof hat die Stadt sich auf dringendes Anraten der vorgeschalteten Fachbehörde jetzt doch noch entschieden, das Gesetz zu respektieren und die Arbeiten von Fachleuten begleiten zu lassen. Das ist gut so - und macht den Blick frei für die Frage, wie die Stadt eigentlich generell mit ihrer ferneren Geschichte umgeht. Etwa am Gartenfriedhof. Die parkähnliche Anlage birgt einige der größten historischen Schätze der Stadt, weil dort wertvolle Grabstätten der berühmtesten hannoverschen Familien am Originalort bewahrt worden sind. Doch über Jahre hinweg schafft die Stadt es trotz Protesten von Anwohnern und Denkmalfreunden nicht, eine Lösung für die Trinkergruppe zu finden, deren Mitglieder dort an die Grabsteine urinieren und den eindrucksvollen Friedhof als Dauerlager nutzen.

Noch ein Beispiel? Der Beginenturm. Er ist das älteste nicht sakrale Mittelalterbauwerk der Stadt, doch über Jahre findet die Stadt kein Nutzungskonzept und hält Investitionen für überflüssig. Erst als mit Bürgerspenden eine Treppe eingebaut wird, um endlich das Obergeschoss wieder zugänglich zu machen, investiert auch die Stadt.

Noch ein Beispiel? Die historische Bockwindmühle im Hermann-Löns-Park, die nur wegen des Engagements der örtlichen Bürgervereine wieder aufgebaut wurde. Man könnte die Liste fortsetzen. Woran liegt dieses Desinteresse?

Unserer Stadt, die bundesweit als typische Nachkriegsstadt wahrgenommen wird (und zuweilen schwer an diesem Image trägt) scheint mancherorts das Bewusstsein dafür verlorengegangen zu sein, dass sie in ihrem Altstadtkern eine echte mittelalterliche Stadt ist. Das ist kein Wunder. Die wenigen erhaltenen Reste der Stadtmauer sind an den meisten Stellen versteckt. Fast alle Gebäude aus der Frühzeit sind in Kriegen oder - was nicht besser ist - in der Nachkriegszeit zerstört worden. Der Stadtgrundriss mit seinen verwinkelten Gässchen ist wegen des autogerechten Ausbaus kaum noch zu erkennen. Zumindest nicht über der Erde. Darunter aber sind zahlreiche Zeugnisse noch unerforscht. Wäre es etwa am Landtag zum umstrittenen Neubau gekommen, so wären ihm mit großer Sicherheit archäologische Grabungen an dieser weitgehend unerkundeten Altstadtparzelle vorausgegangen. Auch bei der geplanten Bebauung von Roßmühle und Marstall wartet noch manche Überraschung.

Hannover tut gut daran, sein frühes Erbe nicht mit Füßen zu treten, sondern sich etwas häufiger daran zu erinnern, welcher Schatz es ist. Erstens ist das ganz gut fürs Selbstbewusstsein. Und zweitens ist es auch noch gesetzlich vorgeschrieben.

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