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Conrad von Meding über Vorbehalte gegen Flüchtlinge

Kommentar Conrad von Meding über Vorbehalte gegen Flüchtlinge

Kaum steigen die Flüchtlingszahlen, wachsen auch wieder die Vorbehalte in der Bevölkerung. „Nur nicht bei mir“, ist ein typischer Reflex. Nicht jeder aber, der protestiert, ist gleich ein Fremdenfeind, meint Conrad von Meding.

Hannover. Bei diesen Nachrichten muss man schon schlucken. Da hat tatsächlich ein Bezirksrat im Nordosten der Stadt unter dem Druck protestierender Bürger einstimmig beschlossen, dass man das neue Flüchtlingsheim doch lieber nicht am vorgesehenen Standort haben will. Und aus der südlichen Nachbarstadt Ronnenberg kommt die Protestnote, Hannover möge sein am dortigen Stadtrand geplantes Flüchtlingshaus doch bitte nicht gar so nah an die Grenze bauen. Verfallen wir gerade wieder in die Rituale der neunziger Jahre, als wegen der angeblichen „Asylantenschwemme“ überall auch in gutbürgerlichen Kreisen Widerstand gegen Flüchtlingsheime wuchs?

Richtig ist: Die Flüchtlingszahlen steigen. Schon in diesem Jahr kommen auf eine Stadt wie Hannover mehrere 100 zusätzliche Hilfesuchende zu, auch in den nächsten Jahren werden es eher mehr als weniger sein. Wer aber selbst Familie hat, der weiß: Niemand verlässt die Heimat aus Jux und Dollerei, niemand mutet sich und seinen Liebsten eine Odyssee quer über Kontinente und Weltmeere zu, ohne dass echte Not dahintersteckt. Die Menschen, die hier ankommen, sind auf unsere Hilfe angewiesen. Sie fliehen vor Hunger, vor Krieg, wollen ihre Frauen und Töchter vor Vergewaltigungen und ihre Söhne vor dem Missbrauch als Kindersoldaten schützen. Sie sollten uns willkommen sein.

Trotz dieser angebrachten Willkommenshaltung aber muss kein Mäntelchen der Harmonie über die neuen Flüchtlingsströme ausgebreitet werden. Denn wahr ist auch: Natürlich kann es zum Problem für ein gutbürgerliches Wohnviertel werden, wenn plötzlich eine große Zahl von Menschen angesiedelt wird, die der Sprache nicht mächtig, die Gepflogenheiten nicht gewohnt und der Kultur fremd sind. Und natürlich kann die Existenz eines Flüchtlingsheims in der Nachbarschaft dazu führen, dass Immobilienpreise sinken und Wohnqualitäten abnehmen. Die Bothfelder Bürger, die gut 600 Unterschriften gegen das geplante Asylhaus in ihrem Wohnviertel gesammelt haben, und die Ronnenberger SPD-Politiker, die den Brandbrief wegen der beklagten Grenznähe geschrieben haben, sind deshalb nicht gleich Fremdenfeinde. Sie haben Angst um Ruhe und Harmonie. Das mag aus sicherer Entfernung seltsam anmuten. Schließlich sind viele unserer Vorfahren selbst Flüchtlinge gewesen, die unter Verfolgung und Vertreibung gelitten haben. Vorschnell verurteilen sollte man diese Haltung jedoch nicht.

Die Stadtpolitik aber tut gut daran, vor diesen Ängsten der Anwohner nicht einzuknicken. Das Konzept, an vier Orten Hannovers gleichzeitig Standorte für vier Flüchtlingshäuser vorzuschlagen, ist ziemlich schlau. Es beugt dem Gefühl vor, einzelne Stadtteile würden benachteiligt. Es schafft eine Gerechtigkeit, die bei diesem Thema nötig ist.

Schließlich ist die Haltung „Im Prinzip ja, aber nicht bei mir“ längst keine, die nur für Flüchtlingshäuser gilt. Von der Standortsuche für Altglascontainer bis zum Flughafen, der gerne zum Fliegen genutzt, aber ungern als Geräuschkulisse geduldet wird, ließen sich etliche Beispiele finden. Sogar der Bau von Kindergärten schafft inzwischen mancherorten Konflikte, wenn die eigenen Kinder erstmal aus dem Alter rausgewachsen sind. Die Rathausmehrheit ist gut beraten, sich mit Rückgrat der Diskussion zu stellen, wie sie gesellschaftliche Lasten verteilt.

Dass Flüchtlinge nicht einmal zwingend eine Last sein müssen, wird ja derzeit in Stadtteilen wie Kirchrode bewiesen, wo die Willkommenskultur mit Flüchtlingen regelrecht zelebriert wird. Auch das lässt sich daraus lernen: Die Nachbarschaften haben es selbst in der Hand, wie gut sie ihre neuen „Mitbewohner auf Zeit“ integrieren. Die weit Hergereisten können auch eine Bereicherung sein. Zumindest sind es Menschen, denen wir eine Chance geben sollten.

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Bothfeld
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