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Das Erinnern an Auschwitz hat kein Verfallsdatum

Kommentar Das Erinnern an Auschwitz hat kein Verfallsdatum

Das Erinnern verändert sich. 72 Jahren nach der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz werden persönliche Erinnerungen allmählich von musealer Historisierung ersetzt. Eine Herausforderung für eine Erinnerungskultur, kommentiert unsere Autorin Marina Kormbaki.

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Gedenkstätte Buchenwald.
 

Quelle: dpa

Berlin.  Der Bundestag gedenkt heute der Opfer des Nationalsozialismus. Bundestagspräsident Norbert Lammert wird an die Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz vor 72 Jahren durch sowjetische Soldaten erinnern, Angehörige von „Euthanasie“-Opfern werden die entsetzlichen Geschichten ihrer Vorfahren erzählen, ehe das Plenum dann zur Tagesordnung übergeht. Die institutionelle Verankerung des Gedenkens an Auschwitz spricht für die Reife dieser Republik. Sie wirft aber auch die Frage auf: Wie lässt sich verhindern, dass das Erinnern an den Holocaust zum bloßen Ritual wird? Wie lässt es sich für die Zukunft bewahren, als Erbe und Aufgabe der Nachgeborenen?

Das Erinnern verändert sich

Diese Fragen sind nicht neu, doch sie stellen sich jetzt mit großer Dringlichkeit. Das Erinnern verändert sich. Mit dem Ableben der Zeitzeugen wird die persönliche Erinnerung ersetzt von musealer Historisierung. Täter und Überlebende sind Greise; es ist kaum noch jemand da, den man zu seinen Erfahrungen befragen könnte. Beschleunigt wird der Wandel der Erinnerungskultur durch die Vielfalt unserer Gesellschaft: Es leben immer mehr Menschen in Deutschland ohne familiäre Bezüge zur deutschen Vergangenheit.

Ihre Vorfahren können nicht berichten über den Kampf an der Ostfront oder die Nächte im Luftschutzkeller, weil sie aus der Türkei, Italien oder Vietnam kommen. Zudem stellen immer dreister auftretende Geschichtsrevisionisten wie der AfD-Mann Björn Höcke die politische Kultur im Land und mit ihr das deutsche Gedenken auf eine Probe.

Herausforderungen für eine Erinnerungskultur

Zweifellos sind dies Herausforderungen für eine Erinnerungskultur, die auf der Straße, in Hörsälen und an Küchentischen mühsam erkämpft wurde. Doch sie bedeuten keineswegs das Ende des Erinnerns. Gefragt sind jetzt ambitionierte didaktische Methoden, die Neugierde bei Schülern wecken und junge Menschen dazu bewegen, sich die Geschichte ihres Landes anzueignen.

Allein die Daten und Zahlen im Geschichtsbuch vermögen dies nicht, so furchtbar sie auch sind. Empathie und Identifikation stiften hingegen eigene Recherchen über das Leben und Sterben jüdischer Kinder, die einst in derselben Straße wohnten wie man selbst. Und es ist dringend nötig, den Konflikt zwischen Israel und Palästina in die Unterrichtsstunden über die NS-Zeit einzubauen, um den teils stark ausgeprägten antisemitischen Vorurteilen unter Jugendlichen arabischer Herkunft zu begegnen.

Für eine lebendige Erinnerungskultur braucht es kreative Pädagogik und, vor allem: den politischen Willen dazu. Beunruhigend ist daher der Befund einer Berliner Studie, wonach Schoa und Nationalsozialismus bei der Lehrerausbildung zunehmend vernachlässigt werden. Für das Erinnern an den Holocaust gibt es jedoch kein Verfallsdatum. Der Blick in die Geschichte bewahrt vor Irrungen in der Zukunft.

Von RND/Marina Kormbaki

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