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Der Fußball tut sich keinen Gefallen

Leitartikel Der Fußball tut sich keinen Gefallen

Sehr schön, dass Martin Winterkorn offenbar über eine edle Gabe verfügt: Er kann auch gönnen. Der VW-Chef hätte nämlich einigen Grund zum Neid. Winterkorn wurde gerade von einem früheren Angestellten der Abteilung Fußball überflügelt, von dem gerade mal 24-jährigen Belgier. Ein Leitartikel von Thorsten Fuchs.

15,9 Millionen Euro hat Winterkorn 2014 verdient. 16 Millionen, so hoch ist das Jahresgehalt von Kevin de Bruyne bei seinem neuen Arbeitgeber, plus Prämien. Wobei Manchester City zuvor noch rund 80 Millionen Euro Ablöse nach Wolfsburg überweist, damit es de Bruyne wiederum die 16 Millionen überhaupt bezahlen darf. Knapp 100 Millionen Euro, so viel sind dem englischen Klub die Dienste des Fußballspielers de Bruyne in der kommenden Saison wert. Für diesen Betrag würde Martin Winterkorn wahrscheinlich auch an die Spitze einer Fahrradfirma wechseln.

100 Millionen, dafür kann man 40 Kindergärten bauen. Oder 30 Turnhallen. Oder fast zwei Stadien wie die VW Arena. Dreht der Fußball jetzt durch?

Natürlich sind diese Summen komplett irre: 35 Millionen Euro reichte der VfL Wolfsburg gleich an Schalke 04 weiter, für Julian Draxler. 41 Millionen Euro zahlt Liverpool für den allenfalls mittelbekannten Hoffenheimer Firmino. Natürlich wirken diese Summen unanständig, wenn im selben Moment Tausende Bürgerkriegsflüchtlinge aus Syrien mittellos an deutschen Autobahnen und Bahnhöfen stranden. Und doch ist der Fußball keine Empörung wert. Schon als der 1. FC Köln 1976 erstmals in der Bundesliga eine Million (damals noch Mark) für einen Spieler zahlte, Roger van Gool, schien das absurd. Den aktuellen Transferwahnsinn befeuern Scheichs und die Milliarden britischer TV-Sender. Gegen die Neureichen aus England wirkt selbst Bayern München solide wie ein Familienbetrieb in vierter Generation.

Nein, das Problem an diesen Summen ist kein moralisches. Die Frage ist, ob sich der Fußball mit solchen Geschäften selbst einen Gefallen tut. Je hohler Treueschwüre von Spielern klingen und je schneller sich das Wechselkarussell dreht, desto weiter entfernt er sich von dem, was ihn groß gemacht hat: Von der Glaubwürdigkeit, von der Nähe zu den Fans. England, wo die Stadien inzwischen seelenlose Treffpunkte gelangweilter Gutverdiener sind, ist da ein abschreckendes Beispiel. Die Ligen kann man nur daran erinnern: Man muss ja nicht jeden Wahnsinn mitmachen. Der Fußball macht dieser Tage einfach ein bisschen weniger Spaß.

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