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Der Sommer des billigen Öls

Analyse Der Sommer des billigen Öls

Der Ölpreis ist weltweit rapide gesunken - und es ist sehr wahrscheinlich, dass es noch einige Monate beim günstigen Tanken bleiben wird. Eine Analyse von Stefan Koch.

Deutschlands Autofahrer reiben sich die Augen: ein Liter Diesel für 99 Cent? Was noch vor einigen Monaten ein Wunschtraum gewesen ist, wurde jetzt zumindest an einigen Tankstellen wahr. Der Ölpreis ist weltweit rapide gesunken, auch Montag ging es an den Rohstoffmärkten mit den Preisen wieder bergab. Und: Es ist sehr wahrscheinlich, dass es noch einige Monate beim günstigen Tanken bleiben wird.

Das Öl, das lange Zeit zur Mangelware erklärt wurde, überschwemmt die Märkte. Das Ende der fossilen Rohstoffe mag eingeläutet sein. Aber das Sterben zieht sich sehr, sehr lange hin.

Zur unerwarteten Vitalität tragen neue Fördermethoden, politische Entscheidungen und volkswirtschaftliche Turbulenzen gleichermaßen bei. Kaum jemand hatte mit einer nachlassenden Nachfrage aus China gerechnet. Auch galt es als unwahrscheinlich, dass der Irak und der Iran so schnell wieder als Lieferanten auf den internationalen Märkten aktiv sind. So richtig ins Rutschen geraten die Preise aber erst seit dem Strategiewechsel in Saudi-Arabien: Das Königshaus folgt schon lange nicht mehr der früheren Opec-Logik und lässt bei sinkenden Erlösen die Produktion drosseln. Stattdessen wächst unter den Monarchisten die Erkenntnis, dass die Rückgewinnung von Marktanteilen wichtiger ist als der kurzfristige Profit.

Die Vielzahl der Rohstoffproduzenten, die die Explorationen weltweit vorantreiben, erscheint ihnen auf lange Sicht bedrohlicher als - zwischenzeitlich - niedrige Barrel-Preise. Auch wenn der Staatshaushalt in Riad unter Druck gerät, können sich die Saudis sinkende Erlöse länger leisten als viele Mitbewerber. Sicherlich dürften auch geopolitische Motive bei dieser Kalkulation eine Rolle spielen, da ihre Erzrivalen in Teheran unter den niedrigen Gewinnen ganz besonders leiden.

Wie wenig frühere Gewissheiten auf dem Ölmarkt noch gelten, zeigt sich auch in den Vereinigten Staaten von Amerika. In diesen Tagen wird erstmals seit Jahrzehnten wieder der Nachbar Mexiko mit dem begehrten Schmierstoff der Weltwirtschaft versorgt. Dem Kongress in Washington liegt zudem eine überparteiliche Gesetzesinitiative vor, die das Ende des gesamten Exportverbots vorsieht. Damit kehren die USA als vollwertiges Mitglied in den Kreis der Erdöl exportierenden Staaten zurück.

Auch mit Blick auf die letzte verbliebene Supermacht lagen diverse Analysten falsch: Entgegen unzähligen Prognosen kommt das Fracking in den Weiten Nordamerikas bei niedrigen Preisen nicht zum Erliegen. Selbst wenn zahlreiche kleine und mittlere Produzenten auf der Strecke bleiben sollten, geben die Branchenriesen Gas. Sie setzen auf schlanke Kostenstrukturen und eine immer weiter ausgeklügelte Technik. Vom Erfolg der Amerikaner profitiert nicht zuletzt Deutschland: Die Konkurrenz zwischen den Förderstaaten dürfte die Preise erst einmal niedrig halten.

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