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Weg von den Extremen – zurück zur Mitte

Analyse zum neuen Deutschland-Trend Weg von den Extremen – zurück zur Mitte

Viele Monate lang schien es, als sei es um Angela Merkel schon bald geschehen. Jetzt zeigt der neue ARD-Deutschlandtrend, dass die Menschen mit der Kanzlerin so zufrieden sind wie schon lange nicht mehr. Nun kehrt die Bevölkerung zur Mitte zurück. Eine Analyse von Matthias Koch.

Berlin. Viele Monate lang schien es, als sei es um Angela Merkel schon bald geschehen. Freund und Feind fragten: Wie lange kann die Kanzlerin noch Kanzlerin sein? Die Flüchtlingskrise, die starke AfD, die unruhige CSU - alles addierte sich zu einem bedrohlichen Ganzen. Es gab Titelstories in Magazinen („Die Einsame“), Alarmmeldungen in Zeitungen („Aufstand in der CDU“) und Auftritte neunmalkluger Talkshowgrößen, die zeitweise allabendlich über die „Kanzlerindämmerung“ spekulierten.

Und jetzt? Im jüngsten ARD-Deutschlandtrend von Infratest dimap stieg die Zufriedenheit der Bundesbürger mit der Kanzlerin auf 59 Prozent. Das ist Merkels bester Wert seit September 2015 und neun Punkte höher als im Juni.

Die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern am 4. September kann, was die Stärke der Rechten angeht, noch eine unliebsame Überraschung bringen. Auf nationaler Ebene aber ist eine neue Bewegung des Pendels spürbar: zurück in die Mitte. Das hilft nicht nur Merkel. Davon profitiert auch die SPD, deren Außenminister Frank-Walter Steinmeier das höchste Ansehen hat. Es profitiert sogar die Idee der Einheit Europas.

Dass es für das europäische Problem der Flüchtlingskrise auch eine europäische Strategie geben muss, ist inzwischen innerhalb Europas keine Einzelmeinung der deutschen Bundesregierung mehr. Unterdessen ist die Partei, die trommelnd von einer Alternative für Deutschland redet, dazu übergegangen, sich vor aller Welt selbst zu zerlegen. Das Brexit-Votum der Briten hat nicht den befürchteten Domino-Effekt ausgelöst, sondern die Zustimmung zur EU sogar erhöht. Hinzu kommt: Die CSU, die zeitweilig so finster auftrat, als wolle sie nun in historischer Mission die Kanzlerin auf offener Bühne meucheln, zeigt sich aufs Maß einer Regionalpartei reduziert: 33 Prozent sind mit Horst Seehofer zufrieden, mit minus sieben Punkten ist er der Verlierer des Monats Juli.

Die Deutschen besinnen sich. Die Große Koalition zum Beispiel gewinnt im Juli drei Punkte hinzu, zwei für die Union, einen für die SPD - die AfD gibt drei Punkte ab. 52 Prozent der Deutschen meinen jetzt, dass die EU-Mitgliedschaft eher Vorteile bringt - das sind erstaunliche 13 Punkte mehr als kurz vor dem Brexit-Referendum.

Wenn die Bundesbürger jetzt auf so eindrucksvolle Weise ruhig bleiben und die Mitte halten, sollten die Politiker sich daran ein Beispiel nehmen. Wenn auf rumpeliger Strecke ein Reifen platzt, reicht es, ihn zu ersetzen - man muss nicht mit großer Geste das Rad neu erfinden. Die beste Reaktion auf externe Schocks kann darin liegen, einfach ruhig weiter zu arbeiten. Merkel hat dies, beginnend mit der Bankenkrise, oft genug vorexerziert. Land und Leute schätzen ihren unaufgeregten Stil. Deshalb sind, entgegen vielen voreiligen Deutungen, schlechte Nachrichten für dieses Land nicht unbedingt auch schlechte Nachrichten für diese Kanzlerin.

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