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Deutschland braucht mehr Zeit

Analyse zur Flüchtlingskrise Deutschland braucht mehr Zeit

Diese Woche hat in der Flüchtlingskrise mehr Klarheit gebracht. Die Nothilfe in Deutschland läuft - und zwar überragend. Zugleich ist deutlich geworden, dass unser Land mehr Zeit braucht. Eine Analyse von Hendrik Brandt.

Ein neuer Morgen, eine neue Lage. Wer in diesen Tagen früh das Radio anschaltet, die Nachrichten in der Zeitung oder auf dem Smartphone liest, kann sicher sein: Im europäischen Flüchtlingsdrama ist die Situation schon wieder anders als am Tag zuvor. Ereignisse und Erkenntnisse überholen sich zuweilen im Stundentakt. Und das wird wohl auch erst einmal so bleiben. Diese Woche hat dennoch ein wenig mehr Klarheit gebracht.

Klar ist: Die Nothilfe in Deutschland läuft. Und wie. Was hierzulande in der unmittelbaren Unterstützung der Flüchtlinge derzeit von Profis wie Ehrenamtlichen geleistet wird, ist überragend. Die Welle der Hilfesuchenden trifft bei uns nicht auf eine Mauer oder Stacheldraht. Ungezählte freiwillige Helfer machen dies möglich - und treiben Politik und Verwaltungen auch schon einmal vor sich her. Rot-Grün hat in Niedersachsen in diesen Tagen das Ruder nun auch herumgerissen und geht jetzt unkonventionell und mit viel Geld an die Arbeit. Die Nazi-Schreierei verhallt zugleich meist ungehört. Wenn man es so sagen will: Auf all dies kann das Land stolz sein. Kein Wenn, kein Aber.

Klar ist auch: Nothilfe allein reicht nicht. Sie ist nur ein erster Schritt auf einem langen Weg. Und, so seltsam das heute klingen mag, vielleicht noch nicht einmal der schwerste. Große Fragen sind nach der Linderung größter Not zu beantworten: Wie und wo wollen wir Hunderttausende Menschen nach ihrer Zeit in den provisorischen Lagern unterbringen? Wie steht es um die Wege sowie die Bereitschaft zur Integration in das Leben und die Arbeit bei uns? Wie stark wird das Bürgerengagement bleiben, wenn die Flüchtlinge im Alltag wirklich ankommen und es an die Mühen der Ebene geht? All dies wird Jahre brauchen. Die Arbeit hat gerade erst begonnen.

Klar ist daher: Im bisherigen Tempo kann es nicht mehr lange weitergehen. Die atemlose Hast der letzten Wochen hat manche Kräfte überdehnt. Selbst ein großes, reiches Bundesland wie Baden-Württemberg hat in dieser Woche zeitweilig erklärt, zunächst keine neuen Unterkünfte mehr bereitstellen zu können. Es wird nicht lange dauern, bis andere Ministerpräsidenten auch entschuldigend die Arme heben und ihre Länder einmal abmelden. Die Zustände in manchen Aufnahmelagern sind längst so unhaltbar, dass sie vor der Öffentlichkeit schon peinlich verborgen werden. Mehr Menschlichkeit zu wagen heißt nun also auch, mehr Zeit zu geben. Die Trecks der Flüchtlinge fair zu verteilen und Deutschland wie andere erst einmal zu entlasten muss das Gebot europäischer Politik in diesen Tagen sein. Scheitert sie, werden sich Diskussionen um scharfe Grenzkontrollen nicht mehr aufhalten lassen. Auch bei uns nicht. Was für ein Rückschritt wäre das.

Klar ist schließlich: Die deutsche Politik kann grundlegenden Fragen jetzt nicht länger ausweichen. Können im Prinzip wirklich alle kommen, wie es das liebevolle, aber am Ende vielleicht zu einfache Motto „Refugees welcome“ unterstellt? Wie kann eine zeitgemäße Zuwanderungsregelung aussehen und wer bringt sie endlich auf den Weg? Taugt das bisherige Asylverfahren noch? Die Diskussionen werden sehr grundsätzlich werden müssen. Gerade weil die Lage sich täglich ändern kann.

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Reaktion auf Flüchtlingskrise

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