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Meinung Die Angst vor der Angst
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19:50 10.11.2017
Von Michael B. Berger
Hannover

Die Deutschen sind hart drauf - zumindestens wenn es um die Innere Sicherheit geht. Sie wünschen sich härtere Strafen für Kriminelle, befürworten fast unisono eine schnelle Abschiebung für ausländische Sraftäter, auch wenn Menschenrechtsorganisationen davor warnen, sie fordern sogar mehrheitlich regelmäßige Autobahnkontrollen, auch wenn sie sonst die freie Fahrt für den freien Bürger bevorzugen. Zugleich bekunden sie, sich persönlich nicht als Opfer eines Terrorakts bedroht zu sehen. Aber im Allgemeinen steigt das Unsicherheitsgefühl. Und das schon seit Jahren. Ein merkwürdiger Befund.

Denn im Vergleich zu früheren Jahren, davon künden die Statistiken, kann man heute bei uns ein weitgehend sicheres Leben führen. Selbst die Zahl der Wohnungseinbrüche geht leicht zurück. Dennoch entfalten solche Einbrüche kommunikativ eine verheerende Wirkung. Wer jemals einen solchen Diebstahl erlebt hat, weiß mehr zu erzählen, als ihm lieb ist. So bleibt das Gefühl der Verunsicherung haften. Ob nach dem nächsten Urlaub noch alles in Ordnung ist? Oder steht man vielleicht wieder in der offenen Tür, den Blick auf aufgewühlte Betten, umgestürzte Bücherregale und ein Chaos in „meiner“ Welt, die nicht mehr der unberührte Rückzugsraum ist, der er früher war?

„Gefühlt” ist diese Welt keine sichere mehr, wenn sogar der gemütliche Fernseh-Abend am Sonntag durch Tickermeldungen über einen Amoklauf in den USA gestört wird. So tragen auch die Medien zur allgemeinen Verunsicherung bei.

Dazu, dass auch Medien zuweilen hyperventilieren, hat nicht zuletzt der Terror der letzten Jahre beigetragen, der in seiner Zufälligkeit sich aller gängigen Logik widersetzt. Es reicht, ein Auto in eine Menschenmenge zu fahren. Einfach so. Wahnsinn. Aber theorethisch reicht nichts aus, einen solchen Wahnsinn zu stoppen. Auch die totale Überwachung nicht.

Auch wenn bezweifelt werden darf, ob Polizisten mit Maschinenpistolen, die etwa in Brüssel viele Plätze bewachen, tatsächlich mehr Sicherheit produzieren, beruhigen sie doch das verunsicherte Gemüt vieler Bürger. Sie wirken wie eine Medizin gegen die grassierende öffentliche Angst, die, wie der Soziologe Heinz Bude beschrieb, zu einer zentralen sozialen Kraft geworden ist.

Dabei ist die Angst vor dem Unvorhersehbaren verständlich. Nichts bannt so sehr, wie das Gefühl, eine Situation nicht mehr kontrollieren zu können - dem Schicksal, auch dem eigenen Tod, nur noch ausgeliefert zu sein. Deshalb ist es kein Wunder, wenn die Angst vor Krankheit himmelweit vor der Angst rangiert, durch einen Terroranschlag zu Tode zu kommen. Das ist irgendwie beruhigend. Spricht es doch - bei aller Sorge vor der Zukunft - für unseren Realitätssinn.

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