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Energiewende ohne Masterplan

Kommentar Energiewende ohne Masterplan

Die Bundesregierung will die Energiewende. Doch statt nach einem Masterplan zu suchen geht sie völlig kopflos vor. Jetzt steckt sie in einem Dilemma und ein Ausweg ist schwer zu finden. Ein Kommentar von Jens Heitmann.

Mal angenommen, ein großes Industrieland entschlösse sich zu einer Energiewende. Weil die Atomkraftwerke wegen eines Unfalls in Fernost nicht mehr als sicher gelten und Kohlemeiler das Klima schädigen, möchte die von einer Physikerin geführte Regierung den Strom künftig mit der Kraft des Windes und der Sonne erzeugen und den Verkehr auf Elektromobile umstellen. Wie würde dieses Land, dessen Kanzlerin die Dinge gern vom Ende her denkt, und das sich viel auf seine Ingenieurskünste zugutehält, dabei vorgehen?

Am Anfang stünde gewiss eine Bestandsaufnahme mit einigen Kernfragen: Wo weht der Wind am stärksten, wo scheint die Sonne am häufigsten? Wie hoch ist der Strombedarf in welchen Regionen, wie lässt sich die Energie möglichst effizient verteilen? Und - auch nicht ganz unwichtig - wie lässt sich die Wende so organisieren, dass die daraus entstehenden Kosten Unternehmen und private Haushalte nicht über Gebühr belasten?

Am Ende müsste dann wohl ein Masterplan stehen, demzufolge die erneuerbaren Energien nur in dem Tempo entwickelt werden, mit dem der Ausbau der Leitungsnetze Schritt halten kann. Und statt einer fixen Förderung würde sich der Gesetzgeber wohl für Ausschreibungsmodelle entscheiden, damit immer die günstigsten Anbieter zum Zuge kommen.

In Deutschland ist die Entwicklung etwas anders verlaufen - beziehungsweise genau so, wie man sie ausgerechnet hier am wenigsten hätte erwarten dürfen. Erst hat die Politik ohne jede Analyse der Ausgangslage und des Ziels exorbitante Fördersätze für Ökostromanlagen aller Art beschlossen. Dann stellte man überrascht fest, dass die Orte der alternativen Stromerzeugung weit von den Großverbrauchern entfernt liegen und Hochspannungsleitungen für den Transport fehlen. Und nach und nach wurde immer deutlicher, dass diese Art der Energiewende die Bürger viel Geld kostet - rund 24 Milliarden Euro pro Jahr, um genau zu sein.

Dass es so nicht weitergehen kann, ist allen Beteiligten schon seit Längerem klar, ein Ausweg aus dem selbst verschuldeten Dilemma lässt sich heute allerdings nicht mehr so einfach finden - dafür gibt es inzwischen zu viele Nutznießer, die von dem falsch konstruierten Fördersystem profitieren: Hunderttausende Eigenheimbesitzer mit Solarzellen auf dem Dach, Bauern, die für Windräder horrende Platzmieten kassieren, sowie Hersteller und Handwerker, die die Anlagen installieren.

Ein Jahr vor der Bundestagswahl sucht die Politik nun verzweifelt nach einem Kompromiss - und entsprechend sieht das Ergebnis aus: Mit Windkraftanlagen an Land wird das günstigste Ökostromangebot ausgebremst, während Solarmodule auf Hausdächern wie bisher gefördert werden. Wenigstens soll es künftig auch Ausschreibungen geben, sie kommen leider 20 Jahre zu spät.

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