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Die EM der Nationalisten

Analyse Die EM der Nationalisten

Das Bild vom Sommermärchen bei der WM 2006 prägte ein Wort: den positiven Patriotismus in Deutschland. Wenn nun, zehn Jahre später, die Europameisterschaft in Frankreich beginnt, dann muss man leider sagen: Zum positiven Patriotismus hat sich unlängst ein ziemlich negativer Nationalismus gesellt. Eine Analyse von Dirk Schmaler.

Fußball hat die Kraft, eine eigene Welt zu errichten. Das Spiel kann aus zunehmend zerklüfteten und sich entfremdenden Gesellschaften für kurze Zeit ein gemeinsam schwingendes Ganzes machen. Spätestens seit dem Sommermärchen 2006 hat sich Deutschland daran gewöhnt, alle zwei Jahre zu den großen Turnieren den nationalen Ausnahmezustand auszurufen. Seriöse Familienväter kommen plötzlich mit Deutschland-Trikots ins Büro, man guckt gemeinsam Fußball auf Marktplätzen oder gleich am Brandenburger Tor, und an Millionen Autofenstern klemmen Fähnchen. Soziologen haben für dieses bisweilen irritierende Schauspiel deutschen Nationalmannschaftstolzes extra ein neues, gerade in seiner Unbeholfenheit so treffliches Wort erfunden: positiver Patriotismus.

Wenn nun, zehn Jahre später, die Europameisterschaft in Frankreich beginnt, dann muss man leider sagen: Zum positiven Patriotismus hat sich unlängst ein ziemlich negativer Nationalismus gesellt. Ein neuerdings lauter vernehmbarer Teil der deutschen Bevölkerung spricht sich offen für die Ausgrenzung des Islam aus, hegt Vorurteile gegen Flüchtlinge und beschwört Ängste gegen Menschen mit dunkler Hautfarbe wie den deutschen Nationalverteidiger Jérôme Boateng. In anderen EM-Teilnehmerstaaten sieht es ähnlich aus. In Österreich, dessen Mannschaft am Dienstag auf Ungarn trifft, wäre kürzlich um ein Haar ein erklärter Gegner jedweder Einwanderung und Offenheit Präsident geworden. In Ungarn regiert mit Victor Orban ein solcher schon seit Jahren das Land. Und die Briten stimmen ausgerechnet am Tag nach Ende der Vorrunde darüber ab, ob sie die EU verlassen. EU-Parlamentarier haben bereits erklärt, auf den Mannschaften von England, Wales und Schottland liege eine „nationale Verantwortung“. Nur weiß man gar nicht, was den Nationalismus stärker wachsen lässt: Drei Siege einer vor Kraft strotzenden englischen Elf? Oder das frühe Vorrundenaus - eine weitere Schmach, beigebracht vom Kontinent?

Das und die Angst vor dem Terror wirken bedrückend. Die Trikothersteller melden mauen Absatz, Fähnchen am Autofenster sind - bisher - kaum zu sehen. Vielleicht, weil für so einen amtierenden Weltmeister eine EM kein großes Ding mehr ist. Womöglich aber auch, weil die Sommermärchen-Rituale von Deutschlandfahne bis Fanmeilen in Zeiten von Anti-Islam-Bewegungen und Terrorbedrohung vielen unpassend erscheinen. Die Deutschlandfahne? Ist das nicht doch längst wieder ein Symbol für Pegida und Co.?

Das Gute ist: Ausgerechnet der Fußball hätte die Kraft, diese Entwicklung zu korrigieren. In einer erfolgreichen EM liegt auch gesellschaftlich eine Chance. Wenn „La Mannschaft“ am Sonntag und danach in Frankreich begeistert, steht Schwarz-Rot-Gold nicht für Pegida und Islamkritik, sondern für Boateng, Özil und Müller. Und für ein weltoffenes Deutschland.

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