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Die Grünen unter Spannung

Analyse Die Grünen unter Spannung

Die Grünen können auf ein kleines Wunder hoffen. Nach den jüngsten Umfragen ist es jedenfalls nicht unwahrscheinlich, dass mit Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg zum ersten Mal ein grüner Ministerpräsident wiedergewählt wird. Trotz Volker Beck.  Eine Analyse von Jörg Kallmeyer.

Der Sekt ist schon kalt gestellt, die Blumen für den Kandidaten sind bestellt: Die Grünen können auf ein kleines Wunder hoffen. Nach den jüngsten Umfragen ist es jedenfalls nicht unwahrscheinlich, dass mit Winfried Kretschmann in Baden-Württemberg zum ersten Mal ein grüner Ministerpräsident wiedergewählt wird. Ganz ohne Fukushima-Effekt, ganz normal eben. Aber was ist in diesen Tagen bei den Grünen schon normal? Während Kretschmann auch biedere Bürger begeistert, wird sein Parteifreund Volker Beck – ein gebürtiger Stuttgarter – beim Verlassen einer Dealer-Wohnung mit harten Drogen erwischt. Vermasselt Beck am Ende noch den Triumph im Südwesten?

Die Spitzenleute der Grünen gaben sich am Donnerstag gelassen, hinter den Kulissen aber herrscht helle Aufregung. Die Folgen der Pädophilie-Debatte kurz vor der Bundestagswahl sind noch in bester Erinnerung.

Ja, man kann vom Verhalten eines Spitzenpolitikers nicht auf alle schließen. Aber man kann Beck eben auch nicht zum Opfer einer „verfehlten Drogenpolitik“ der Bundesregierung machen, wie es die grüne Jugendorganisation allen Ernstes versucht. Die klarste und einzig richtige Antwort kam, wen wundert es, von Winfried Kretschmann, der am Donnerstag von einem „schweren Fehlverhalten“ Becks sprach.

Die grünen Wahlkämpfer werden in der nächsten Woche damit leben müssen, dass immer neue Details über das Privatleben von Volker Beck bekannt werden. Eine Diskrepanz, wie sie sich jetzt zwischen dem Wahlkämpfer Kretschmann und dem gestürzten Moralpolitiker Beck auftut, ist schon fast typisch für die Grünen. Die Partei hält seit einiger Zeit enorme politische Spannungen aus: Zwischen Ortsvereinen, die sich mit Willkommensgesten für Flüchtlinge überbieten, und dem Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer, der ein Ende der „Ponyhof-Politik“ fordert. Zwischen Multikulti-Verfechtern, die Verständnis für arabische Einwanderer fordern, und Frauen, die seit Jahrzehnten gegen sexuelle Diskriminierung und für härtere Strafen bei Vergewaltigung kämpfen.

Den Grünen fällt es zunehmend schwer, eine Mitte zu finden – und sie bleiben trotzdem attraktiv für die Wähler in der politischen Mitte. Ihr Modell erlaubt es inzwischen, ein breites Spektrum nicht nur von Themen, sondern auch von Meinungen abzudecken. Das aber ist auf Dauer nur dann erfolgreich, wenn man sich deutlich von eigenen Leuten distanziert, die Grenzen des Gesetzes überschritten haben.

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