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Die Jobzahlen täuschen

Leitartikel Die Jobzahlen täuschen

In Unternehmen gilt stets die Regel, dass die Fehler in den guten Zeiten gemacht werden – durch Überheblichkeit und oft genug durch Nichtstun. In Deutschland hat man sich schon länger nicht mehr mit der Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft befasst. Es wäre fatal, die Entwicklung am Arbeitsmarkt als Zeichen einer vor Kraft berstenden deutschen Wirtschaft zu sehen.  Eine Analyse von Stefan Winter.

Vor dem Winter fressen sich Tiere Reserven an, um durch die harten Monate zu kommen. So ähnlich kann man die aktuellen Arbeitsmarktzahlen für den November sehen: Gut, wie sie sind, bieten sie ein schönes Polster – bevor die Zeiten rauer werden dürften.

Vorerst gibt es die niedrigste Arbeitslosigkeit seit knapp einem Vierteljahrhundert zu feiern, obwohl weder die Welt noch ihre Wirtschaft Euphorie wecken. Außer in den USA gibt es konjunkturell eigentlich keine Lichtblicke, in einstigen Boomländern wie Brasilien oder Russland sieht es sogar rabenschwarz aus. Auch Europa gibt ein ziemlich gemischtes Bild ab, von kräftiger Erholung kann jedenfalls auch sechs Jahre nach dem Rezessionsjahr 2009 noch keine Rede sein.

Dass davon bisher nichts auf die Stellenpläne der exportabhängigen deutschen Wirtschaft durchschlägt, hat mehrere Gründe. Da sind vor allem – und für Deutschland eher ungewöhnlich – die Konsumenten zu nennen, und zwar beide Gruppen: Die Bürger geben dank Lohnerhöhungen und wertvernichtender Sparzinsen mehr Geld aus; und der Staat spart dank hoher Steuereinnahmen und billiger Verschuldung bei Weitem nicht so ehrgeizig, wie man es in Erwartung der „schwarzen Null“ vermuten könnte. Die Versorgung Hunderttausender Flüchtlinge wirkt kurzfristig sogar wie ein Mini-Konjunkturprogramm. Dann wären da noch ein hartnäckig niedriger Ölpreis und weit geöffnete Geldhähne aller wichtigen Notenbanken weltweit – fertig ist das Szenario, in dem man Probleme und Gefahren kaum noch spürt. Dumm nur, dass sie noch da sind.

Wer in diesen Tagen in der Industrie herumfragt, spürt wenig Optimismus. Die Aufträge dünnen aus, die Personalkosten sind spürbar gestiegen, die Lasten der Energiewende – im öffentlichen Bewusstsein schon verblasst – sind in den Betrieben auch weiter beherrschendes Thema. Es wird wieder mehr von Produktionsverlagerung ins Ausland geredet, und eine der größten Dienstleistungsbranchen baut ohnehin schon lange Personal ab: Banken und Versicherungen. Hinzu kommt, dass sich an grundsätzlichen Problemen am Arbeitsmarkt nichts geändert hat: Ost und West liegen nach wie vor deutlich auseinander, und an der Zahl der Hartz-IV-Empfänger hat sich seit Jahren fast nichts geändert. Immer noch 4,3 Millionen Menschen brauchen diese Hilfe.

In Unternehmen gilt stets die Regel, dass die Fehler in den guten Zeiten gemacht werden – durch Überheblichkeit und oft genug durch Nichtstun. In Deutschland hat man sich schon länger nicht mehr mit der Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft befasst. Es wäre deshalb fatal, die Entwicklung am Arbeitsmarkt als Zeichen einer vor Kraft berstenden deutschen Wirtschaft zu sehen. Wenn billiges Öl und extrem expansive Geldpolitik nicht mal ganze 2 Prozent Wachstum bewirken, möchte man sich die Lage ohne diese beiden Stützen jedenfalls nicht vorstellen.

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